15.09.2020 - 09:52

Studie: Wie kann urbane Mobilität nach Corona neu gestaltet werden?

Für eine neue Studie haben sich kommunale Spitzenverbände, Verkehrsunternehmen, Wissenschaft und Politikberatung zusammengetan und analysieren die Corona-Folgen im Stadtverkehr. Gleichzeitig wird der Politik eine Reform- und Investitionsoffensive für urbane Mobilität empfohlen.

Die neue Studie „Ein anderer Stadtverkehr ist möglich. Neue Chance für eine krisenfeste und klimagerechte Mobilität“ stammt von dem Thinktank Agora Verkehrswende in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dem Deutschen Städtetag, dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Untersucht wurden die Veränderungen im Stadtverkehr seit Beginn der Corona-Pandemie, die Handlungsmöglichkeiten der Kommunen und der Handlungsbedarf bei Bund und Ländern.

Die Kooperationspartner rufen alle an der Verkehrswende Beteiligten auf, eine breit angelegte Reform- und Investitionsoffensive für nachhaltige Mobilität zu starten. Im Kern gehe es um die Neuaufteilung des öffentlichen Raums – mit mehr Platz für Fuß- und Radverkehr – und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Zudem müsse den kommunalen Verwaltungen mehr Raum zum Experiment gegeben werden, damit innovative Lösungen erprobt und verstetigt werden können. Bund und Länder müssten schließlich die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Finanz- und Personalressourcen in den Kommunen erhöht werden können und die Verkehrswende schneller vorankommt.

Die Studie soll zeigen, dass der Individualverkehr in den Städten zugenommen hat, sei es zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Auto. Die Verkehrsaktivitäten hätten sich vorübergehend auf den Nachmittag und auf das nähere Wohnumfeld verlagert. Homeoffice und flexiblere Arbeitszeitmodelle könnten langfristig zu neuen Pendelroutinen führen, heißt es in einer Pressemittielung zur Studie. Die Bereitschaft, Gewohnheiten zu überdenken und digitale Angebote anzunehmen, sei gestiegen. Politik und Verwaltung hätten Entschlossenheit und Agilität bewiesen, indem sie Planungen vorgezogen hätten und Straßenflächen temporär umnutzen würden. Risiken sind laut Studie vor allem die Schwächung des ÖPNV und des Handels sowie der Rückgang der Steuereinnahmen der Kommunen.

Neue Aufteilung

Um die Verkehrsflächen neu aufzuteilen, müssten umweltfreundliche Angebote nicht nur gefördert, sondern auch der motorisierte Individualverkehr eingeschränkt werden. Zentral sei dafür die Umwidmung von Parkraum und Autospuren für Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr oder auch für Gastronomie und Handel. Ein aktuelles Projekt zur Verkehrsberuhigung läuft seit Ende August 2020 in der Berliner Friedrichstraße. Erste Rückmeldungen mitte September zeigen bereits, dass der Handel vermutlich keinen Umsatzrückgang zu verzeichnen hat und die Gastronomie wohl sogar Zuwächse verzeichnet.

Weitere effektive Instrumente seien höhere Parkgebühren, Geschwindigkeitsbegrenzung und Verkehrsberuhigung. Bund und Länder sollten den Kommunen hier mehr Handlungsspielraum eröffnen und die rechtlichen Voraussetzungen anpassen, etwa durch Änderungen im Straßenverkehrsgesetz und in der Straßenverkehrsordnung.

 

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ÖPNV

Der Handlungsbedarf im öffentlichen Verkehr hat sich laut Studie durch die Folgen der Pandemie dringlicher geworden. Verkehrsunternehmen müssten mehr investieren, um Hygienekonzepte umzusetzen, bei weniger Fahrgästen und dadurch weniger Einnahmen. Hinzu komme der ohnehin angestrebte und notwendige Ausbau des Angebots. Neben den aktuellen Sonderförderprogrammen müssten Bund und Länder über den bislang schon geleisteten Eigenanteil der Kommunen hinaus auch langfristig für eine solide Kofinanzierung aus Steuermitteln sorgen. Digitalisierung könne dazu beitragen, das System effizienter zu steuern und Dienstleistungen zu kombinieren.

Verwaltung

Eine positive Bilanz zieht die Studie für das Handeln der Kommunalverwaltungen in der Krise. Sie hätten an vielen Stellen schnell und entschlossen reagiert und Experimente gewagt, etwa bei der Einrichtung temporärer Radwege und Freischankflächen. Um darauf aufzubauen und die Verkehrswende langfristig schneller voranzubringen, müssten die Verwaltungen personell und finanziell besser ausgestattet werden. Neben zusätzlichen Mitteln aus Bund und Ländern müssten dafür auch Qualifizierungs- und Quereinsteigerprogramme aufgelegt werden. Schließlich müssten Bund und Länder klimaschädliche Anreize wie das Dienstwagenprivileg abbauen und die Finanzierungsmöglichkeiten erweitern, etwa bei der probeweisen Erhebung von Straßennutzungsgebühren oder von Abgaben für den ÖPNV.

Zur Studie

Die Studie „Ein anderer Stadtverkehr ist möglich. Neue Chance für eine krisenfeste und klimagerechte Mobilität“ wurde vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) im Auftrag von Agora Verkehrswende erstellt. Gemeinsam mit den Verbänden wurden die Ergebnisse bewertet und Leitlinien formuliert. Als Grundlage dienten Erfahrungsberichte und Analysen aus aller Welt, da Kommunen international vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Das Paper umfasst 52 Seiten steht kostenlos zum Download zur Verfügung.

Foto: Free-Photos auf Pixabay

Autor: jst

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15.09.2020 09:59