01.12.2020 - 08:17

Österreich: Neues Institut erforscht elektromagnetische Wechselwirkungen

TU Graz startet „CD-Labor für Technologie-basiertes Design und Charakterisierung von elektronischen Komponenten“ unter der Leitung von Wolfgang Bösch. Erforscht werden Wege, mit denen sich elektromagnetische Wechselwirkungen in smarten, vernetzten Geräten insbesondere im 5G-Frequenzbereich besser kontrollieren lassen.

In Smartphones und vielen anderen komplexen, drahtlos vernetzten Geräten – z.B. auch Fahrzeuge – werden aufwändige Technologien eingesetzt, um die einzelnen elektronischen Bauteile im Gehäuse zu integrieren. Während aktive Bauteile, etwa Halbleiter, schon gut erforscht sind, kann sich die Einbettung passiver elektronischer Elemente wie Antennen oder Filter derzeit auf keine validen Modelle der Bauteile selbst stützen: Es fehlen präzise Messmethoden, geeignete Modelle und effiziente Designstrategien für die Vorhersage ihres Verhaltens bei hohen Frequenzen – beispielsweise in 5G-Systemen – und bei gleichzeitig hohen Energiedichten wie besonders auch in der Leistungselektronik.

Hier soll das neue österreichische „Christian Doppler Labor (CD-Labor) für Technologie-basiertes Design und Charakterisierung von elektronischen Komponenten“, kurz „TONI“ ansetzen: Gemeinsam mit den Unternehmenspartnern Qualcomm, AT&S und Fronius suchen Forschende der TU Graz gezielt Wege, elektronische Komponenten dreidimensional einzubetten und dabei eine sichere Multifunktionalität zu garantieren. Der Startschuss für das jüngste Labor der TU Graz fiel am 27. November 2020. Größter öffentlicher Fördergeber ist das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftstandort (BMDW) Österreichs, inklusive der Mittel von den drei Unternehmenspartnern ist das CD-Labor für sieben Jahre mit rund vier Millionen Euro finanziert.

Charakterisierung wenig beachteter Bauteile

Ob Smart Homes oder Smart Grids, ob Gesundheitswesen, autonomes Fahren oder Raumfahrt: Bis 2030 werden voraussichtlich 500 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein und drahtlos miteinander kommunizieren. Für eine sichere und robuste Datenübertagung werden vermehrt Sende- und Empfangskanäle gemeinsam in den Geräten verbaut. Das führt zu einem höheren Integrationsbedarf und einer notwendigen Miniaturisierung aller elektronischen Komponenten. Einzelne Komponenten müssen dadurch oft mehrere Funktionen gleichzeitig übernehmen, wie zum Beispiel Antennen, die Signale empfangen und zugleich filtern können (sogenannte „Filtennas“). Durch das Betreiben mehrerer Sendeeinheiten in unmittelbarer Nähe werden starke elektromagnetische Wechselwirkungen zunehmend zum Problem.

„Was dem Trend nach höheren Frequenzbereichen und ausgebauter Multifunktionalität noch deutlich hinterherhinkt, ist die Kombination aus Funktion und Integration im Gerätegehäuse. Dafür müssen wir den Fokus nun verstärkt auf die passiven Bauteile richten, die bislang eher eine Nebenrolle hatten. Sie sind aber ebenso essentiell wie die bereits sehr gut erforschten Halbleiterelemente“, erklärt Wolfgang Bösch, Leiter des neuen Labors und zugleich Leiter des Instituts für Hochfrequenztechnik der TU Graz. Gemeinsam mit den Unternehmenspartnern und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Elektronik der TU Graz widmet sich das Team des Labors der Frage, wie multifunktionale und hoch integrierte Komponenten mit kombinierter Filter- und Antennenfunktion umfassend in der Theorie beschrieben und mit neuen Technologien gefertigt werden können.

Korrekte Modelle statt trial-and-error

Dafür werden passive Komponenten sowohl in der Leistungselektronik als auch im Mikrowellenfrequenzbereich genau vermessen und modelliert. „Normale Messtechnik stößt hier an Grenzen – wir müssen hier grundlegend Neues entwickeln und uns der Frage stellen, wie wir überhaupt messen können, was wir messen müssen“, sagt Wolfgang Bösch. Neue Methoden für breitbandige Mikrowellenmessungen helfen die Genauigkeit in der Fertigung zu erhöhen und Fehler im Messprozess automatisch erkennbar machen. Darauf aufbauend werden neue Modelle für die Einbettung passiver und aktiver Komponenten in Leiterplatten erforscht, hier geht es insbesondere um die Verbindungselemente. Und schließlich wird untersucht, wie einzelne Komponenten mit ihren jeweiligen elektromagnetischen Feldern einander innerhalb des Gehäuses stören.

„Ziel ist es, Schwachstellen schon im Schaltungsdesign zu umgehen – Entwicklungen nach dem trial-and-error-Prinzip sollen nicht zuletzt aus Kostengründen der Vergangenheit angehören. Wir werden daher ein Simulations- und Design-Framework erarbeiten, damit schon im Entwicklungsprozess solcher Geräte alle Parameter bekannt sind und mit korrekten Modellen gearbeitet werden kann. Nur so lässt sich eine elektromagnetische Verträglichkeit bei gleichzeitig hoher Integrationsdichte und Multifunktionalität von vorneherein garantieren.“, so Bösch.

Die österreichischen Christian Doppler Labors sind auf die anwendungsorientierte Grundlagenforschung fokussiert und kooperieren dazu mit Unternehmen. Träger ist die Christian Doppler Forschungsgesellschaft (CDG). CD-Labors werden von der öffentlichen Hand und den beteiligten Unternehmen gemeinsam finanziert. Wichtigster öffentlicher Fördergeber ist das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW).

Autor: jst

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