11.10.2022 - 20:41

Klima, Kosten und Corona treiben Mobilitätswende

Steigende Energiepreise, die Corona-Pandemie, das 9-Euro-Ticket und die Klimakrise verändern das Mobilitätsverhalten so stark wie nie zuvor. Dabei wird neuen Mobilitätsangeboten wie Ridepooling, Ridehailing und den verschiedenen Sharing-Angeboten vom Fahrrad über E-Scooter und E-Moped bis zum Carsharing zugesprochen, Ressourcen zu schonen und zugleich kostengünstiger zu sein als klassische Mobilitätsformen. Auch die Bereitschaft zur Nutzung autonomer Verkehrsmittel steigt – wobei die große Mehrheit für die nahe Zukunft nicht mit einem entsprechenden Angebot rechnet.

Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 1.005 Personen ab 16 Jahren in Deutschland.

96 Prozent geben an, in den letzten Jahren ihr Mobilitätsverhalten grundlegend verändert zu haben – aus sehr unterschiedlichen Gründen. Rund die Hälfte (55 %) nennt die Klimakrise als Grund, jeweils 4 von 10 (41 %) das 9-Euro-Ticket sowie den gestiegenen Benzinpreis und 30 Prozent die Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus. 17 Prozent haben ihr Mobilitätsverhalten aufgrund des Chaos an den Flughäfen verändert, 16 Prozent wegen der häufigeren Arbeit im Homeoffice, 13 Prozent aufgrund der Unzuverlässigkeit im Bahnverkehr und 7 Prozent wegen des Wegfalls von Dienstreisen.

Der große Gewinner der Mobilitätswende ist das Fahrrad. 39 Prozent nutzen das Fahrrad häufiger, 16 Prozent seltener. Ein Viertel (25 %) setzt häufiger auf sogenannte On-Demand-Angebote wie Ridepooling oder Ridehailing, 14 Prozent aber auch weniger oft. Der eigene Pkw wird von 22 Prozent häufiger genutzt, 36 Prozent lassen ihn aber öfter stehen. Ebenfalls 22 Prozent fahren häufiger Bus und Bahn im Nahverkehr, 37 Prozent aber seltener. Carsharing wird von 20 Prozent häufiger genutzt, von 14 Prozent seltener. Und Bike-, E-Scooter- und Moped-Sharing ist bei 14 Prozent beliebter, bei 15 Prozent weniger beliebt als früher. Die großen Verlierer sind der Schienenfernverkehr, das Taxi und das Flugzeug. 10 Prozent fahren häufiger im Fernverkehr mit der Bahn, 35 Prozent tun dies seltener. Lediglich 2 Prozent steigen häufiger ins Taxi, 46 Prozent aber seltener. Im Flugverkehr ist das Bild noch klarer: 2 Prozent nutzen häufiger das Flugzeug 75 Prozent tun dies seltener.*

Mehrheit ist mit ÖPNV unzufrieden – und zwei Drittel könnten auf den Pkw verzichten

Mit den bestehenden Nahverkehrsangeboten ist eine Mehrheit unzufrieden. 55 Prozent sagen, sie seien sehr oder eher unzufrieden, 43 Prozent sind eher oder sehr zufrieden. Damit nimmt die Kritik am ÖPNV verglichen mit dem Vorjahr weiter zu. 2021 standen 48 Prozent Zufriedene 49 Prozent Unzufriedenen gegenüber. Dabei gilt: In Großstädten ist die Unzufriedenheit aktuell mit 44 Prozent am geringsten, in Städten mit 20.000 bis 100.000 Einwohner liegt sie bei 56 Prozent und in kleineren Orten sogar bei 62 Prozent. „Der klassische ÖPNV kommt in dünn besiedelten Regionen an seine Grenzen“, so Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Neue Mobilitätsdienste können hier den ÖPNV ergänzen und zugleich attraktiver machen.“

Neue Mobilitätsangebote würden vielen Menschen auch den Abschied vom eigenen Pkw erleichtern. Unter denjenigen, die ein Auto im Haushalt haben, würden 40 Prozent darauf verzichten, wenn andere Mobilitätsangebote zur Verfügung stünden, 32 Prozent, wenn die bestehenden Mobilitätsangebote günstiger wären. Rund ein Viertel (24 %) könnte das eigene Auto aufgeben, falls attraktive Sharing-Angebote in der direkten Umgebung vorhanden wären, bei 14 Prozent gilt dies bei der Verfügbarkeit von On-Demand-Angeboten. 22 Prozent nennen als Voraussetzung für den Abschied vom Privat-Pkw, dass Bahnhöfe durch Sharing- oder On-Demand-Angebote erreichbar wären, für 7 Prozent käme es infrage, wenn ihnen der Arbeitgeber ein Mobilitätsbudget anbieten würde. Verbote schrecken dagegen weniger ab. Nur 12 Prozent würden auf das eigene Auto verzichten, falls Parken vor der Haustür teurer oder verboten würde, 9 Prozent, falls es ein Autoverbot in der Innenstadt gäbe. Mehr als ein Drittel (36 %) würde unter keinen Umständen auf den Privat-Pkw verzichten wollen. Rohleder: „Ganz offenkundig lässt sich ein klimafreundlicheres Mobilitätsverhalten nicht erzwingen. Die Mobilitätswende funktioniert nur mit attraktiven Alternativen zum Privat-Pkw.“

Neue Mobilitätsangebote gelten als Antwort auf aktuelle Krisen

Die große Mehrheit sieht in neuen Mobilitätsangeboten eine Chance, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. 89 Prozent sind überzeugt, dass mit ihnen die Lebensqualität auf dem Land erhöht werden kann. 82 Prozent glauben, dass ihre Nutzung ein Beitrag zum Klimaschutz ist und 79 Prozent meinen, dass digitale Technologien allgemein einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Ebenso viele (79 %) betonen, dass Fahrgäste mit neuen Mobilitätsangeboten für weniger Geld von A nach B kommen. 63 Prozent gehen davon aus, dass neue Mobilitätsangebote den ÖPNV attraktiver machen, weil der Weg zu den Stationen flexibler bewältigt werden kann. Und 58 Prozent sagen, neue Mobilitätsangebote reduzieren den Verkehr in der Stadt. „Wir sollten alle Möglichkeiten nutzen, innovative Mobilitätsangebote auf die Straße und Schiene zu bekommen. Es gibt eine große Bereitschaft in der Bevölkerung, umzusteigen. Umso wichtiger ist es, dieser Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot gegenüberzustellen“, so Rohleder.

Angebote wie Ridepooling und Ridehailing genießen in der Bevölkerung einen guten Ruf. So stehen dem Ridepooling, bei dem per Algorithmus automatisch Fahrgemeinschaften von Fahrgästen gebildet werden, die ein ähnliches Ziel haben, 83 positiv gegenüber (35 % sehr positiv, 48 % eher positiv). Beim Ridehailing, bei dem Fahrgästen über eine App ein Auto mit professionellem Fahrer ähnlich wie bei einer Taxifahrt buchen und die Fahrt exklusiv für sich haben, sind 71 Prozent positiv eingestellt (23 % sehr positiv, 48 % eher positiv). „In der Vergangenheit gab es viele Versuche etablierter Anbieter wie der Taxi-Innungen, neuen Angeboten Steine in den Weg zu legen. Am Interesse der Kundinnen und Kunden geht dies allerdings ganz offensichtlich vorbei“, sagt Rohleder.

Sharing spart Geld und schützt die Umwelt im Alltag

Überwiegend positiv werden auch die unterschiedlichen Sharing-Angebote eingeschätzt. 86 Prozent sehen in ihnen eine umweltfreundliche Alternative zu bestehenden Angeboten (2021: 79 %). Nur 8 Prozent (2021: 11 %) befürchten, dass sie für mehr Verkehr sorgen und die Umwelt belasten. 80 Prozent gehen davon aus, dass sich so Geld sparen lässt (2021: 73 %), 10 Prozent befürchten, dass die Angebote dazu verleiten, mehr Geld auszugeben (2021: 22 %). Und die überwiegende Mehrheit (81 %,2021: 80 %) hält Sharing vor allem für den Alltag geeignet, 11 Prozent eher für Urlaubs- und Dienstreisen (2021: 15 %).

In den vergangenen zwölf Monaten hat die Verbreitung von Sharing-Angeboten zugenommen. 22 Prozent nutzen zumindest hin und wieder Bike-Sharing (2021: 16 %), 16 Prozent E-Scooter-Sharing (2021: 13 %), 13 Prozent Carsharing (2021: 8 %) und 4 Prozent Moped-Sharing. Zugleich gibt es generell großes Interesse an den unterschiedlichen Sharing-Diensten in Orten, wo diese bislang nicht verfügbar sind. 47 Prozent würden gerne Fahrräder nutzen, 45 Prozent E-Scooter, 34 Prozent Autos und 29 Prozent Mopeds. „Sharing hat großes Potenzial, vor allem wenn es gelingt, die Angebote aus der engsten Innenstadt in die Randregionen oder sogar auf das Land auszuweiten, wo sie in Ergänzung des oft unzureichenden ÖPNV-Angebots das größte Potenzial entfalten könnten“, so Rohleder.

Bei den Nutzerinnen und Nutzern der unterschiedlichen Sharing-Angebote gibt es eine hohe Zufriedenheit. 81 Prozent sind mit ihnen ganz allgemein zufrieden, nur 17 Prozent unzufrieden. Am besten wird der Buchungsvorgang per App bewertet (82 % zufrieden, 17 % unzufrieden), dahinter folgen die Vielfalt des Angebots (69 % zufrieden, 29 % unzufrieden), die Verfügbarkeit in der Nähe (59 % zufrieden, 36 % unzufrieden) sowie der Zustand der Fahrzeuge (57 % zufrieden, 39 % unzufrieden). Kritischer bewertet werden die Kostentransparenz (46 % zufrieden, 51 % unzufrieden), der Preis (46 % zufrieden, 52 % unzufrieden) und die Informationen zum Fahrzeug wie Ladezustand oder Vorschäden (46 % zufrieden, 51 % unzufrieden). „Sharing-Dienste haben verglichen mit anderen Mobilitätsangeboten eine außergewöhnlich hohe Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer. Die konsequente Nutzung digitaler Technologien, etwa der Buchungsprozess per Smartphone und der einfache Bezahlvorgang spielen dabei eine wichtige Rolle“, so Rohleder.

Bereitschaft zur Nutzung autonomer Verkehrsmittel steigt – aber Zweifel an zeitnahen Angeboten auf der Straße

Mobilitätsangebote könnten sich durch Technologien zum autonomen Fahren künftig stark verändern. In der Bevölkerung gibt es eine große und stetig steigende Bereitschaft, autonom fahrende Verkehrsmittel zu nutzen. So würden 71 Prozent in ein autonomes Taxi steigen (2019: 48 %), 68 Prozent in eine fahrerlose U- oder S-Bahn (2019: 63 %) sowie 67 Prozent in einen autonomen Bus (2019: 38 %) und 66 Prozent in einen autonomen Mini- oder Shuttle-Bus. In einen autonom fahrenden privaten Pkw würden sich 63 Prozent setzen (2019: 47 %), 54 Prozent in einen fahrerlosen Regional- oder Fernzug (2019: 54 %), 42 Prozent in ein autonomes Schiff (erstmals abgefragt) und 35 Prozent in ein autonomes Flugzeug (2019: 12 Prozent). „In vielen Bereichen ist die Technologie längst so weit, dass die Fahrzeuge autonom fahren bzw. fliegen könnten – viele Fahrgäste wären auch bereit, solche Angebote zu nutzen“, so Rohleder.

Allerdings gibt es erhebliche Zweifel, dass entsprechende Angebote in Deutschland zeitnah genutzt werden können. So gibt es seit 1. Juli zwar einen rechtlichen Rahmen, der autonom fahrende Mini-Busse und Taxis auf regulären Straßen zulässt. Allerdings glaubt niemand, ein solches Angebot in den kommenden Monaten nutzen zu können, nur 3 Prozent rechnen damit in ein bis zwei Jahren und 9 Prozent in fünf Jahren. Dagegen glauben 26 Prozent, dass bis dahin noch zehn Jahre vergehen – und rund die Hälfte (46 %) erwartet nicht einmal in mehr als 10 Jahren ein solches Angebot. „Deutschland ist, was den Rechtsrahmen für das autonome Fahren angeht, ein europäischer und weltweiter Vorreiter. Jetzt muss es darum gehen, entsprechende Angebote auch wirklich auf die Straße zu bekommen. Das kann durch bestehende ÖPNV-Anbieter passieren, aber auch durch neue Anbieter, die sich auf autonomes Fahren spezialisieren“, so Rohleder. „Wichtig ist, länderübergreifende und einheitliche Verfahren für die Genehmigung beim vernetzten und autonomen Fahren zu schaffen und Städte und Kommunen bei der Umsetzung der Mobilitätswende nicht allein zu lassen.“

Menschen wünschen sich mehr digitale Technologien im Verkehr

An die Politik richten die Bürgerinnen und Bürgern den Appell, mehr digitale Technologien zur Verbesserung der Mobilitätsangebote einzusetzen. 9 von 10 (87 %) wünschen sich, dass Kommunen, Länder und Bund deutlich mehr Geld in digitale Verkehrsinfrastruktur wie intelligente Ampeln oder Verkehrszeichen investieren. Und jeweils drei Viertel erwarten eine finanzielle Unterstützung neuer Mobilitätsangebote durch Kommunen und Länder (75 %) sowie mehr zentrale Anlaufstellen für Sharing-Angebote an ÖPNV-Haltepunkten (73 %). 6 von 10 (56 %) wünschen sich den Einsatz digitaler Technologien für einen attraktiveren Fahrradverkehr, etwa indem Ampeln für Fahrradfahrer bevorzugt auf grün geschaltet werden, wenn es ein hohes Radverkehrsaufkommen gibt oder es regnet. „Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag ausdrücklich zur Förderung digitaler und innovativer Mobilitätsangebote verpflichtet und damit offenbar den Nerv der Menschen getroffen. Nun gilt es, diese Ankündigung auch umzusetzen und neue Mobilitätslösungen sowie die Digitalisierung der Verkehrsinfrastruktur mit konkreten Vorhaben zu fördern. Hier ist nach fast einem Jahr Ampel noch Luft nach oben“, sagt Rohleder.
bitkom.org >>

* Prozentangaben bezogen auf Befragte, die das jeweilige Mobilitätsangebot nutzen.

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