23.03.2020 - 11:20

Gastbeitrag: Deutsche Mobilitätsdienste für den japanischen Markt übersetzt

Matthias Flucke ist Automotive Designer und ist insbesondere tief im Thema Mobilitätsdienste spezialisiert. In einem Gastbeitrag beschreibt er die Übersetzungsarbeit zwischen Kulturen, wenn es darum geht, digitale Dienste und analoge Services zusammenzubringen.

Bei einer Reise nach Japan, habe ich mich gefragt: Wie cool wäre es all die lokalen Dienstleistungen der Mobilität sofort und unkompliziert erleben zu können? Ich wußte ja nicht, dass ich ein paar Monate später genau diese Anfrage für Berlin – die Stadt in der ich lebe – bekomme.

Für den Erfolg von Produkten und Diensten ist bekanntermaßen das Wissen über den Markt, Wettbewerb, Regularien und Kultur entscheidend. Man erkennt wenn diese Faktoren das Produkt beeinflusst haben. Ein beliebtes Beispiel, das ich gerne anführe ist der Umgang mit Carsharing in Japan – einige Nutzer mieten zum Beispiel Autos, fahren diese aber nicht. Durch Nutzerbefragungen hat man festgestellt, dass Sharing-Fahrzeuge als Rückzugsort, zum Beispiel zum Schlafen, genutzt werden.

Ich arbeite als Automotive Designer in einem diversem Team mit mehr als 20 Nationalitäten, das ebenso viele Sprachen fließend spricht. Daher erhält mein Team häufig Anfragen, um bei der Übersetzung verschiedener Märkte, Ästhetiken und Kaufverhalten der Verbraucher zu helfen. Das Headquarter ist in Japan, aber ich leite den Berliner Standort. Es ergeben sich oft sehr spannende deutsch-japanische Konstellationen, so auch in diesem Fall.

Ich wurde von einem japanischen Autohersteller angesprochen, um genau das zu tun – Markt und Kultur übersetzen. Die Herausforderung: Untersuchen Sie die Unterschiede zwischen europäischen und japanischen Mobilitätsdiensten. Mit dem vorliegenden Wunsch habe ich mit einer Kollegin, die Japanerin ist, ein Programm erstellt, welches auf die Research-Bedürfnisse zugeschnitten war. Wir hatten den Prozess auf Englisch und Japanisch vorbereitet.

Das besagte Unternehmen hatte für die IAA 2019 ein paar Vertreter nach Deutschland entsandt. Um die verschiedenen in Deutschland verfügbaren Mobilitätsdienste zu testen, benötigten sie nun Unterstützung. Nachdem die Messe in Frankfurt mit allen Highlights besucht war, ging es nach Berlin. Die Hauptstadt war aus mehreren Gründen von entscheidender Bedeutung: Natürlich, das große Angebot an Mobilitäts-Dienstleistern, als Berliner Design Firma das lokale Wissen, als „Heavy-User“ die nötigen Benutzerkonten für die Dienste. Aber nicht zu vergessen auch der für viele Dienstleistungen nötige deutsche Führerschein.

Wir haben die „Übersetzung“ mit einem Onboarding-Meeting begonnen, bei dem die Vertreter aus Japan den deutschen Mobilitätsmarkt und die jüngste Entwicklung dessen vorgestellt wurde. Dienste wie BerlKönig oder Diskussionen zu Diesel-Fahrverboten waren ihnen – wie zu erwarten war – neu. Andere Trends und Dienstleister wie Clever Shuttle waren jedoch bekannt.

Wir gingen dann zur Feldforschung auf die Straße über. Innerhalb von zwei Tagen führten wir die Gäste durch die Anmelde-, Reservierungs-, Buchungs- und Infotainment-Prozesse der verschiedenen Anbieter und ihrer begleitenden Apps.

Zu den von uns getesteten Sharing-Diensten gehörten Free-floating Flotten wie die von WeShare, SIXT und ShareNow, früher bekannt als car2go und DriveNow. Kick-Scooter von TIER, Lime und Voi sowie Fahrräder von Uber, Lidl, Nextbike und Mobike. Die Vertreter des Autoherstellers hatten im Sommer sogar noch die Chance beide Anbieter von Elektrorollern – Emmy UND Coup – zu testen. Zum Schluß haben wir noch Ride-hailing von BerlKönig und Clever Shuttle genutzt, um zum Hotel der japanischen Gäste zu gelangen.

Im Rahmen unserer Analyse haben wir die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der einzelnen Anbieter dokumentiert: Benutzererfahrung, Benutzeroberfläche, Funktionen und besondere Serviceangebote. Wir haben auch verschiedene Benutzergruppe vorgestellt. Das schnelle Einloggen als lokaler „heavy user“ im Vergleich zu Registrierungsfragen für Touristen als sogenannte „First-time-user“ war Teil der Untersuchung.

Spannend wurde es, als wir weitere externe Faktoren zur Diskussion vorstellten: Klimaschutzinitiativen und -gesetze, lokale und globale Märkte, Stadtplanung und Infrastruktur, kulturelle Aspekte und gesellschaftspolitische Veränderungen. Ab da waren die Erkenntnisse gegenseitig. So lernte ich neue Fakten über Japan und war ebenso interessiert, neue Perspektiven auf die in Berlin verfügbaren Dienste zu hören.

Ich habe erfahren, wie wertvoll das Wissen über den lokalen Markt sein kann und welche Dinge ich als selbstverständlich angenommen hatte. Obwohl ich der „Übersetzer“ war, habe ich viel Neues gelernt. Es tat gut, aus der Komfortzone zu kommen und die eigene Stadt mit der Touri-Brille zu sehen.

Über den Autor: Matthias Flucke ist begeisterter Automotive Designer und Studio Lead bei Goodpatch Berlin. Seine weitreichende Expertise in UI/UX Design, gepaart mit seiner Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Mobilität Startups sowie Autoherstellern bei der Begleitung von Produkteinführungen, macht ihn zu einem versierten Berater. In seiner Position als Studio Lead coacht er zudem seit mehreren Jahren Designer und Projektteams, fördert individuelle Bedürfnisse und unterstützt die persönliche Weiterentwicklung. Sowohl bei Kunden wie bei Goodpatch intern begleitet Matthias seit mehreren Jahren die Mobilitätsthemen und stellt neue Arbeitsweisen, Lösungen und Konzepte für agile Teams zusammen.

Autor: jst
Gefunden bei intellicar.de
https://intellicar.de/tests-and-research/deutsche-mobilitaetsdienste-fuer-den-japanischen-markt-uebersetzt/
23.03.2020 11:45