PERSPECTIVE

02.Oktober 2018

Die Wirtschaftsförderer, Teil 3 – Die eMO Berlin


Die Welt der Mobilität wandelt sich. Autobauer und Zulieferer wollen Mobilitätsanbieter werden, ÖPNV-Provider gehen neue Partnerschaften ein, Startups versuchen sich in der Disruption. Die großen Stichworte sind in diesem Prozess wohl Elektromobilität, Automatisierung, Sharing und Vernetzung. Wirtschaftspolitisch ist dieser Wandel für die Bundesländer ebenfalls ein wichtiger Standortfaktor. So sind die verschiedenen Firmen vom kleinen Zulieferer, über die Startups, Mobilitätsanbieter bis zum Autohersteller sehr wichtige Arbeitgeber und sorgen entsprechend für Steueraufkommen. Verschiedene Landesgesellschaften unterstützen deshalb in den Bundesländern in ihrer Funktion als Wirtschaftsförderer nicht nur die Ansiedlung neuer Unternehmen, sondern sind Gestalter und übernehmen Verantwortung bei Forschungsprojekten, die den Wandel in der Industrie begleiten bzw. beschleunigen können.

Nach dem Ende der „Schaufenster Elektromobilität“ wurde schnell klar, dass sich die Mobilitätsthemen in Richtung neue Geschäftsmodelle, autonomes Fahren und Vernetzung von Fahrzeugen und Infrastrukturen entwickeln würden. Die Agenturen reagierten schnell. Im Rahmen unserer kleinen Serie „Die Wirtschaftsförderer“ haben wir die verschiedenen Agenturen jeweils um einen Erfahrungsbericht zur neuen Ausrichtung bzw. dem eigenen Wandel gebeten. Den Anfang machten SAENA GmbH in Dresden und die e-mobil BW GmbH, die Landesagentur für neue Mobilitätslösungen und Automotive Baden-Württemberg. In dieser Folge schauen wir auf die Berliner Agentur für Elektromobilität eMO, einer Einheit der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

Neue Berliner Mobilität, die im Herzen elektrisch schlägt

Dass sich die Hauptstadtregion 2011 als eines der „Schaufenster Elektromobilität“ bewerben würde, war eine Selbstverständlichkeit. Dass sie neben den anderen drei Regionen in Bayern/Sachsen, Baden-Württemberg und Niedersachsen den Zuschlag erhalten würde, nicht unbedingt. Schließlich hat keiner der großen Automobilhersteller hier seinen Sitz, industriepolitische Gründe gaben daher bei der Auswahl durch die Bundesregierung nicht den Ausschlag. So war nicht nur die Nähe zur Politik und zu den Medien sondern gerade das Fehlen eines „Platzhirsches“ eines der Alleinstellungsmerkmale in der Berliner Bewerbung. Bis heute zeigt die große Dichte an jungen Unternehmen und Start-ups in der Hauptstadt, wie sich Kreativität und Erfinderreichtum der Mobilitäts-Entrepreneure entfalten kann.

Das „Internationale Schaufenster Elektromobilität Berlin-Brandenburg“, wie das Projekt schließlich getauft wurde, nahm sich vor, internationales Vorbild zu werden und Akteure aus aller Welt einzuladen, Berlin als Testfeld für Elektromobilität zu besuchen. Die Aufgabe, das Schaufenster zu koordinieren und gleichzeitig für seine Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu sorgen, wurde einer neuen Institution übertragen: der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO. Der Strategiekreis Industriepolitik beim Regierenden Bürgermeister hob die Agentur 2011 aus der Taufe, der Wirtschaftsverwaltung wurde die Federführung übertragen und die eMO bei der landeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH angesiedelt.

Im Berliner Schaufenster trieben mehr als 100 Unternehmen, wissenschaftliche und politische Einrichtungen von 2012 bis 2016 die Entwicklung der Elektromobilität voran. Mit ihrem Engagement setzten die Akteure wertvolle Impulse für Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region. Insbesondere die 30 Kernprojekte mit einem Gesamtvolumen von rd. 76 Mio. € trugen dazu bei, dass die Hauptstadtregion heute das größte Praxislabor in Deutschland ist. Der Nachweis für die Anwendung von Elektrofahrzeugen in Betrieben, sozialen Einrichtungen, im öffentlichen Nahverkehr oder im Wirtschaftsverkehr stand dabei im Vordergrund: die Nebenaggregate von Müllfahrzeuge wurden mit elektrischen Antrieben ausgestattet, eine komplett elektrische Buslinie mit induktiver Ladung an den Endhaltestellen durch die Berliner Verkehrsbetriebe in den Linienverkehr integriert, Tagesrandzeitbelieferung von Einzelhandelsunternehmen durch elektrische Lieferfahrzeuge erprobt. Pendler im Südwesten der Stadt wurden mit eBikes ausgestattet, Betreibermodelle und entsprechende Software für unternehmensübergreifende elektrische Flotten entworfen, rein elektrische Lieferketten im Wirtschaftsverkehr wurden mithilfe des ersten straßenzugelassenen e-LKW etabliert und der Berliner Bahnhof Südkreuz als Intelligente Mobilitätsstation mit nahtlosen Reisemöglichkeiten in Betrieb genommen. Alle Projekte sind auf der Website der eMO nachzulesen.

Dass die Aufgaben der eMO, mithilfe des Themas Elektromobilität Wertschöpfung in der Region in Gang zu setzen und damit für Wachstum und mehr Arbeitsplätze zu sorgen, mit dem Ende des Schaufensters nicht ad Acta gelegt werden konnten, wurde schnell deutlich.

Klimawandel, Luftbelastung, wachsende Städte und jüngst Dieselskandal und drohende Fahrverbote: Die Herausforderungen an die Mobilität werden größer. Nur der Austausch eines – fossilen – Antriebs durch einen elektrischen reicht nicht aus. Intelligente Mobilität war das neue Stichwort. Um die Arbeit der eMO nahtlos aber mit verbreitertem Ansatz fortsetzen zu können, hatte sich der Berliner Senat 2017 entschlossen, das Projekt „smart eMobility“ aufzusetzen. Aufgabe der eMO ist darin die Initiierung von Projekten rund um Intelligente Mobilität, die sie unter dem Akronym CASES zusammenfasst: Connected, autonomous, shared, electric, sustainable.

Die eMO tritt dabei nur selten selbst als Projektbeteiligte auf. Vielmehr bietet die Agentur eine Plattform, auf der Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zueinander finden können, um gemeinsam Projekte durchzuführen. eMO berät zu Fördermitteln von Bund, EU und dem Land Berlin, lädt zu Workshops wie dem Smart Mobility Forum, Diskussionsforen wie der Frühstücksdebatte Intelligente Mobilität und dem jährlichen Branchentreff, der Hauptstadtkonferenz Elektromobilität mit rund 600 Teilnehmern ein.

eMO unterstützt Unternehmen bei der Initiierung, Beantragung und Durchführung von Technologie- und Innovationsprojekten für umweltfreundliche und zukunftsfähige Mobilität und kümmert sich um die Kommunikation dieser Projekte im Besonderen und zum Thema Intelligente Mobilität im Allgemeinen. Berlin wird dabei zum Testfeld auf dem vernetzte, geteilte, automatisierte und elektrische Fahrzeuge erprobt werden können.

Das Partnernetzwerk der eMO umfasst mittlerweile rund 70 Unternehmen und Verbände von großen Unternehmen wie den Berliner Verkehrsbetrieben, Brose oder Total über mittlerweile etablierte Firmen wie ebee, Ubitricity, Free2move, Plugsurfing oder CleverShuttle bis hin zu ganz jungen Start-ups wie den Ticketing-Providern von Motion Tag, der mobilen Ladelösung Chargery oder dem Wechselakku-Erfindern von GreenPack. Der Mitgliedsbeitrag dieser Unternehmen zum eMO-Netzwerk trägt wesentlich dazu bei, der eMO bei der Umsetzung ihrer Aufgaben zu helfen. Den Großteil des Budgets der Agentur trägt allerdings die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe.

Berlin bringt nicht nur technologiegetriebene Innovationen hervor. Die Hauptstadt bietet beste Voraussetzungen für die Erprobung alternativer Mobilitätsformen: Nirgendwo in Deutschland ist die Eigentümerrate von Autos niedriger als hier (340 PKW pro 1000 Einwohner). Der öffentliche Nahverkehr funktioniert in einem der weltweit dichtesten Netze. Die Bevölkerung ist Innovationen gegenüber äußerst aufgeschlossen. Kein Wunder also, dass sich an der Spree die höchste Dichte an Sharingfahrzeugen – Autos, eScooter, Fahrräder – findet. Immer mehr Projekte beschäftigen sich mit dem gesellschaftlichen Wandel durch die kommende Mobilitätswende: „Neue Mobilität Berlin“ versucht Anwohner vom Umstieg vom privaten PKW zu geteilter Mobilität zu überzeugen, die „Radbahn“ tritt mit einem Konzept für mehr Fahrradverkehr an.

Neue Lösungen brauchen Akzeptanz und Vertrauen der Bevölkerung. Dafür zu werben und mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Dialog zu treten, ist eine wichtige Aufgabe der eMO. Eine aktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nimmt alle Beteiligten ernst und mit auf den Weg in die Mobilitätswelt von morgen.

Um den Mobilitätswandel in der Hauptstadtregion besser an den Innovationsthemen im Bereich der intelligenten Mobilität auszurichten, clustert die eMO ihre Aktivitäten in drei Handlungsfelder:

  • Neue Mobilität – Innovative Mobilitätsangebote, neue Technologien zur Elektrifizierung & Digitalisierung im Personenverkehr,
  • City Logistik – Innovative Geschäftsmodelle, Elektrifizierung & Digitalisierung des Wirtschaftsverkehrs und neue Fahrzeugkonzepte,
  • Intelligente Infrastruktur – Kopplung von Energie und Mobilität sowie Speicher, Verkehrsmanagement und digitale Infrastruktur sowie Daten.

Als zentrale Anlaufstelle für intelligente Mobilität fungiert die eMO dabei als Netzwerkagentur, initiiert und realisiert Innovationsprojekte, kommuniziert über den Standort Berlin und hilft als Lotse für Interessierte an Förderprogrammen auf regionaler, nationaler und EU-Ebene.

In jüngster Zeit ist eine weitere Aufgabe für die eMO hinzugekommen: Sie promotet das Förderprogramm Wirtschaftsnahe Elektromobilität der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Mithilfe dieses Programms können kleine und mittlere Betriebe zusätzlich zum Umweltbonus der Bundesregierung Förderung für Elektrofahrzeuge, Ladeinfrastruktur und fachliche Beratung in Anspruch nehmen. Weitere Informationen dazu unter www.emo-berlin.de/de/foerderung/ueberblick/

Unser Dank für das Statement gilt Jörg Welke, Berliner Agentur für Elektromobilität eMO .
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