NEWS & MARKETS, Spezial

03.Juli 2019

Zwei Automobilkonzerne, zwei Ideen für Ridehailing-Services



Draußen – in den Medien und in den Amtsstuben – sind gerade die kleinen elektrischen Roller und ihre Sharing-Anbieter das Thema der Stunde oder vielleicht auch schon des Sommers. Wenn jedoch die Ridehailing-Anbieter Moia und Berlkönig zum Pressetermin laden, dann will man wissen, wie die beiden Automobilkonzerne dahinter – Daimler und Volkswagen – in Sachen neuer Mobilitätsdienstleistungen unterwegs sind. Ein erster Vergleich.

Moia, das ist der Ridehailing-Service der Moia GmbH, einer Tochter der Volkswagen AG. Beim Berlkönig handelt es sich zwar um einen recht ähnlichen Service, nur ist es eine Kooperation zwischen den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und ViaVan – einem Joint Venture zwischen Mercedes Benz Vans und dem US-Startup Via. Während Moia seinen Testlauf in Hannover erfolgreich begonnen hat und seit 2019 auch in Hamburg unterwegs ist, reitet man mit dem Berlkönig „nur“ durch Berlin.

Beide Unternehmen aggieren mit Erprobungsgenehmigungen in festgelegten Gebieten der jeweiligen Städte und mit weiteren Bedingungen, wie der definierten Größe der Flotte. Moia sieht sich zwar als Ergänzung zwischen ÖPNV und Taxi, betreibt den App-basierten Service jedoch allein. Der Berlkönig hingegen ist eine Kooperation, bei der die BVG die Erprobungsgenehmigung hält sowie die Fahrzeuge. ViaVan stellt die Fahrer und bringt die Software ein für den ebenfalls App-basierten Ridehailing-Service.

Die beiden Städte Hamburg und Berlin zeigen also, dass man selbst beim nahezu identischen Mobilitätsprodukt Ridehailing noch Unterschiede machen kann. So fahren in der Hansestadt von Beginn an 200 rein elektrische Shuttle-Busse, die vom Volkswagen-Konzern dafür entwickelt und gebaut werde. Anfang Juli 2019 wurde vom OVG Hamburg endgültig beschieden, dass Moia mit bis zu 1.000 Fahrzeugen den Test im Norden fahren darf. Der Berlkönig ging in Berlin mit deutlich kleinerem Geschäftsgebiet und 50 Fahrzeugen aus dem Daimler-Konzern an den Start. Inzwischen ist man bei 156 Fahrzeugen. Die Flotte besteht aktuell aus elektrisch angetriebenen Mercedes Benz B-Klassen und konventionellen Mercedes Benz Vitos. Bis Ende 2020 soll die gesamte Berliner Flotte elektrisch unterwegs sein. Dafür begann gerade das Einflotten der neuen Mercedes Benz eVito Tourer.

Wenn es darum geht, das Wissen über neue Mobilitätskonzepte in den eigenen Konzern zu integrieren, dann gehen Volkswagen mit seiner Tochter Moia und der Daimler-Konzern, der als Investor bei dem US-Startup Via involviert ist, doch unterschiedliche Wege. So kaufte Moia im Jahr 2017 das finnische Software-Startup Split Finland Oy und übernahm damit ein Team in Helsinki, das bereits einen Car-Pooling-Algorithmus entwickelt hatte. Parallel entwickelte man für Moia tatsächlich einen eigenen elektrisch angetriebenen Shuttle-Bus, für den es inzwischen zwar jede Menge Interessenten gibt, aber keine Option das Fahrzeug zu erwerben. Zur Zeit ist Moia in Hamburg und Hannover mit seinen Services aktiv. Die Stadt Berlin hatte der Volkswagentochter für einen Testlauf zuletzt eine Absage erteilt, obwohl Moia sogar seinen Firmensitz in Berlin hat und als Neuansiedlung gilt. Konsequenz: Hinter den Kulissen ist zu hören, dass man sich bereits international orientiert, um weitere Städtekooperationen anzubahnen.

Daimler investierte, ebenfalls 2017, in Via und gründete dann über Mercedes Benz Vans mit dem US-Startup das Joint Venture ViaVan als On-Demand-Unternehmen für Transitdienste in Europa. Das Ridehailing-Knowhow liegt in diesem Fall bei Via, das die digitale Plattform samt Algorithmus hostet und permanent weiterentwickelt. Über die Plattform betreibt Via und mit Partnern mittlerweile weltweit 75 Ridehailing-Services mit unterschiedlichsten Fahrzeugtypen und -größen. ViaVan, das Unternehmen sitzt ebenfalls in Berlin, ist wiederum mit 12 Services in Europa vertreten, u.a. in Amsterdam, London, Berlin und Milton Keans. Darüber hinaus bietet ViaVan seinen Pooling- auch als Corporate Service an. Auf dem BASF-Campus Ludwigshafen und bei Mercedes Benz auf dem Bremer Werksgelände können Mitarbeiter kostenlos die Werkshuttles nutzen, ViaVan betreibt die Dienstleistung.

Apropos Geld: Moia erlöst, nach eigenen Angaben, in Hannover zwischen fünf und sieben Euro durchschnittlich pro Fahrt und Nutzer, in Hamburg sind es zwischen sechs und neun Euro. ViaVan spricht für den Berlkönig bei einer durchschnittlichen Fahrt von 5,60 Euro. Wobei das Unternehmen einen Fahrtarif zugrunde legt, der sich nach den Preisen des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) richtet, eben weil die BVG als Berliner ÖPNV-Anbieter mitverantwortlich ist für den Berlkönig.

Auf Nachfrage erfährt man bei Moia und bei ViaVan, dass man bereit wäre für größere Bediengebiete in den einzelnen deutschen Städten, die Erprobungsgenehmigungen aber die Grenze abstecken. Vor diesem Hintergrund beobachten beide Unternehmen die Diskussionen um die Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes sehr genau. Bei entsprechenden Änderungen dürfte eine Erprobungsgenehmigung in Zukunft entfallen und die Entwicklung des Ridehailings deutlich beschleunigen.

Autor: Jens Stoewhase

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