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11.Juli 2018

Daimler und Bosch setzen auf Nvidia – autonomer Shuttle-Service für 2019 im Silicon Valley geplant


Daimler und Bosch setzen auf Nvidia – der OEM und der Zulieferer machen gemeinsame Sache, wenn es um das vollautomatisierte und fahrerlose Fahren in der Stadt geht. Dafür haben die beiden Firmen jetzt die erforderliche Rechenpower für ihr Fahrsystem definiert. Zudem wurde der US-Techkonzern Nvidia als Lieferant für die benötigte KI-Plattform ausgewählt. Ein vollautomatisierter Shuttle-Service ist für 2019 im Silicon Valley geplant. Wird BMW indirekter Nutznießer dieser Entwicklung?

Rechenleistung aus den USA

Zum Lieferumfang von Nvidia gehört, laut einer Pressemitteilung von Bosch, neben der sogenannten Drive-Pegasus-Plattform mit leistungsfähigen KI-Prozessoren auch Betriebssoftware. Darauf laufen die von Bosch und Daimler mit maschinellen Lernverfahren erzeugten Algorithmen für die Fahrzeugbewegung. Insgesamt soll der Steuergeräteverbund eine Rechenkapazität von Hunderten Billionen Rechenoperationen in der Sekunde möglich machen. Das entspricht wohl der Leistung von mindestens sechs zusammengeschalteten, hochmodernen Computer-Arbeitsplätzen. Bosch und Daimler sicherten sich auch dauerhaft die Kompetenzen von Nvidia bei der Entwicklung der Plattform.

Auswertung der Sensordaten

Für das automatisierte Fahren wird eine vielseitige, redundante Systemarchitektur für das höchste Level an funktionaler Sicherheit benötigt. Diese Anforderungen muss auch der Steuergeräteverbund erfüllen. Hier laufen zum Beispiel die Informationen der verschiedenen Umfeldsensoren mit Radar-, Video-, Lidar- und Ultraschall-Technik zusammen. Ein Videosensor, wie die Stereo-Videokamera von Bosch, erzeugt zum Beispiel pro gefahrenem Kilometer allein 100 Gigabyte Daten. Der Steuergeräteverbund führt die Daten aller Umfeldsensoren zusammen – auch Sensordatenfusion genannt –, wertet sie innerhalb von Sekundenbruchteilen aus und plant darauf aufbauend den Fahrweg des Fahrzeugs. Das ist vergleichbar schnell wie ein Schmerzreiz beim Menschen, der zwischen 20 und 500 Millisekunden braucht, bis er im Gehirn ankommt. Um maximale Sicherheit und Zuverlässigkeit zu erreichen, werden die erforderlichen Rechenoperationen in verschiedenen Schaltkreisen parallel durchgeführt. Für den unwahrscheinlichen Fall einer Störung kann damit blitzschnell auf diese parallelen Rechenergebnisse zurückgegriffen werden.

Effiziente Kühlung für Steuergeräteverbund vor

Aufgrund der hohen Rechenkapazität und der Vielzahl der durchzuführenden Rechenoperationen muss der Steuergeräteverbund gekühlt werden. Bosch und Daimler sehen dafür eine effiziente Kühlung vor. Als Zielfahrzeuge für das gemeinsam zu entwickelnde Fahrsystem zum vollautomatisierten und fahrerlosen Fahren in der Stadt plant Mercedes-Benz batterieelektrische Fahrzeuge. In der Bosch-Meldung taucht damit der Hinweis auf das „Elektro-Taxi“ von Mercedes-Benz auf, von dem in der Branche bereits gesprochen wird. Der Steuergeräteverbund soll deshalb in das im Fahrzeug vorhandene, fortschrittliche Kühlmanagement integriert werden.


Gemeinsame Entwicklung in BaWü und dem Silicon Valley

Bereits im April 2017 gaben Bosch und Daimler ihre Zusammenarbeit im Bereich des vollautomatisierten und fahrerlosen Fahrens in der Stadt. Demnach entwickeln die Unternehmen gemeinsam ein Fahrsystem. Damit sollen sich Fahrzeuge vollautomatisiert durch den Stadtverkehr bewegen können. Ziel sei es, die Technik Anfang der kommenden Dekade in Serie zu bringen. Die Zusammenarbeit findet im Großraum Stuttgart und im Silicon Valley statt. Mitarbeiter aus beiden Unternehmen arbeiten dabei jeweils auf einer Fläche – quasi Schreibtisch an Schreibtisch – zusammen. Man will so einen schnellen und effizienten Austausch über Arbeitsfelder hinweg ermöglichen und für kurze Entscheidungswege sorgen.

Autonomer Shuttle-Service zuerst in den USA

Für das Testen des vollautomatisierten und fahrerlosen Fahrens (SAE-Level 4/5) in der Stadt geht es dann aber doch über den großen Teich. Daimler und Bosch haben Kalifornien als Pilotregion für die erste Testflotte ausgewählt. In der zweiten Jahreshälfte 2019 sollen Kunden bereits auf ausgewählten Strecken in einer Stadt in der San Francisco Bay (Silicon Valley) einen Shuttle-Service mit automatisierten Fahrzeugen nutzen können. Daimler-Chef Dieter Zetsche sagte dazu am 10. Juli 2018 auf der in Hongkong stattfindenden Tech-Konferenz RISE: „Natürlich testen wir autonome Autos bereits auf unseren eigenen Versuchsstrecken. Erst kürzlich hat uns eine kalifornische Stadt angeboten, an einem Test unter realen Bedingungen teilzunehmen. Das ist ein wichtiger Schritt für uns.“

Daimler sprach in der Vergangenheit bereits von einem taxiähnlichen Shuttle. Als Betreiber einer Testflotte und des App-basierten Mobilitätsservices ist Daimler Mobility Services vorgesehen. Das Pilotprojekt soll zeigen, wie Mobilitätsservices wie Car-Sharing (car2go), Ride-Hailing (mytaxi) und multimodale Plattformen (moovel) intelligent verbunden werden können, um so die Zukunft der Mobilität zu gestalten.

Über den genauen Service gibt es noch nicht viele Details. Bei Bosch heißt es in der Pressemitteilung jedoch, dass das Fahrzeug zum Fahrer kommen soll und nicht der Fahrer zum Fahrzeug. Innerhalb eines festgelegten Stadtgebiets könnten sich demnach Nutzer per Smartphone bequem ein Car-Sharing-Auto oder einen Wagen ordern, der fahrerlos bei ihnen vorfahren soll. Die genannten Funktionalitäten entsprechen somit auch den wohl üblichen Erwartungen potenzieller Kunden. Die gemeinsame Entwicklung von Daimler und Bosch ziele darauf ab, die entstehenden Synergien für eine möglichst frühe und abgesicherte Serieneinführung der Technologie zu nutzen.

BMW, Daimler und Bosch – die ménage à trois der Mobilität?

Tatsächlich wäre damit eine interessante Dreier-Konstellation in der deutschen Automobilbranche in Bezug auf Mobility-Services fast schon perfekt. Die Autobauer BMW und Daimler hatten bereits Ende März 2018 die Bündelung ihrer Mobilitätsservices vereinbart. In das neu zu gründende Unternehmen fließen sowohl die multimodalen und On-Demand-Mobility-Dienste von moovel und ReachNow ein, aber auch das CarSharing mit Car2Go und DriveNow sowie das Ride-Hailing mit mytaxi, Chauffeur Privé, Clever Taxi und Beat, die Park-Services mit ParkNow und Parkmobile Group als auch das Thema Laden mit ChargeNow. Die aufgezählten Daimler-Service werden aktuell von der Daimler Mobility Services betrieben, die eben auch als Anbieter für den 2019 startenden Service im Silicon Valley genannt wird. Bosch, BMW und Daimler sind ebenfalls Gesellschafter beim Kartendienst Here sowie dem Laderoaming-Startup Hubject. Die zwei Unternehmen sind in einer datengetriebenen Mobilitätswelt ebenfalls nicht unwichtig. Gleichzeitig ist Bosch mit dem E-Roller-Sharer Coup selbst einer der großen Anbieter geteilter Mobilität in Europa. Sollte nun noch das elektrisch angetriebene und automatisiert fahrende Shuttle als wichtige Hardwareplattform beim Daimler vom Hof rollen, dann wäre das Angebot nahezu schon perfekt für das 21. Jahrhundert.

Editor: Jens Stoewhase mit Pressematerial von BMW Group, Daimler AG, NVIDIA Corporation und Robert Bosch GmbH

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