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08.Januar 2019

Daimler – 500 Mio. Euro für hochautomatisierte Lkw und überdenkt Platooning


Auf der CES in Las Vegas präsentierte Daimler Trucks seine Investitionspläne im Bereich hochautomatisierte Lkw. So sollen in den nächsten Jahren 500 Millionen Euro in die Entwicklung hochautomatisierter Lkw (SAE Level 4) fließen. Gleichzeitig will man über 200 neue Arbeitsplätze schaffen, um binnen eines Jahrzehnts hochautomatisierte Lkw zur Marktreife zu bringen.

Nicht von Level zu Level

Hochautomatisier­tes Fahren bedeutet für Daimler, dass automatisiert fahrende Lkw in definierten Bereichen und zwischen definierten Knotenpunkten verkehren – wobei das System nicht erwartet, dass ein Benutzer auf eine Aufforderung zum Eingreifen reagiert. Wenn es nach dem Stuttgarter Autobauer geht, dann ist im Transportgewerbe Level 4 der nächste natürliche Schritt nach Level 2, um Effizienz und Produktivität für die Kunden zu steigern und die Kosten pro Kilometer signifikant zu senken. Damit überspringt Daimler Trucks den Zwischenschritt des bedingt automatisierten Fahrens (Level 3). Level 3 bietet Lkw-Kunden keinen wesentlichen Vorteil gegenüber der jetzigen Situation, da den höheren Kosten für die hierfür notwendigen Technologien kein entsprechender Nutzen in der Praxis gegenüber steht.

Der neue Freightliner Cascadia bietet teilautomatisierte Fahrfunktionen (Level 2) und ist damit der erste teilautomatisierte Serien-Lkw auf nordamerikanischen Straßen. Seine Weltpremiere feiert er ebenfalls heute bei der Präsentation von Daimler Trucks auf der CES.

Daimler Trucks sieht sich seit Jahren Pionier bei der Entwicklung automatisierter Lkw. Martin Daum, Mitglied des Vorstands der Daimler AG und verantwortlich für Daimler Trucks & Buses: „Als einer der Branchenführer haben wir Pionierarbeit bei automatisierten Lkw geleistet. Im Jahr 2015 erhielt unser Freightliner Inspiration Truck die bis dato erste Straßenzulassung für ein automatisiertes Nutzfahrzeug. Jetzt heben wir die Automatisierung von Lkw auf ein neues Level: Wir bringen 2019 den ersten teilautomatisierten Freightliner Cascadia auf den Markt, und unser nächster Schritt sind hochautomatisierte Lkw. Hochautomatisiert fahrende Lkw erhöhen die Sicherheit, steigern die Logistikleistung und bieten unseren Kunden große Vorteile – und tragen damit wesentlich zu einer nachhaltigen Zukunft der Logistikbranche bei.“

Freightliner Cascadia – Automatisiertes Fahren auf Level 2

Mit dem Active Drive Assist (Mercedes-Benz Actros, FUSO Super Great) bzw. Detroit Assurance 5.0 mit aktivem Spurhalte-Assistenten (neuer Freightliner Cascadia) bringt Daimler Trucks nun bereits teilautomatisierte Fahrfunktionen in seine Serienfahrzeuge. Das neue System kann selbständig bremsen, beschleunigen und lenken. Im Gegensatz zu anderen Systemen, die erst ab einer bestimmten Geschwindigkeit eingreifen, ermöglichen Active Drive Assist / Detroit Assurance 5.0 teilautomatisiertes Fahren in allen Geschwindigkeitsbereichen in einem Serien-Lkw. Neu sind die aktive Querführung und die Verbindung von Längs- oder Quersteuerung in allen Geschwindigkeitsbereichen. Die intelligente Verknüpfung von Radar- und Kamerainformationen bildet dafür die Basis.

Daimler Trucks bewertet die Vorteile des Platoonings neu

Zuletzt gab es auch vom VDA eine Initiative im Rahmen der IAA Nutzfahrzeuge, die das Thema Platooning vorantreiben soll. Nun bewertet Daimler Trucks seine Sichtweise auf das Platooning neu. Der LKW-Hersteller definiert Platooning als die elektronische Kopplung von zwei oder mehr Lkw mit sehr geringem Abstand zueinander. In der Theorie verbessert sich dadurch die Aerodynamik, was den Kraftstoffverbrauch senken soll. Daimler Trucks hat das Platooning mehrere Jahre lang vor allem in den USA getestet, wo die größten Vorteile zu erwarten gewesen wären. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einsparungen selbst unter optimalen Platooning-Bedingungen in der Praxis geringer ausfallen als erhofft. Wenn die einzelnen Fahrzeuge des Platoons zudem voneinander getrennt werden, müssen die Lkw jedes Mal beschleunigen, um wieder aufzuschließen. Dadurch wird zusätzlicher Kraftstoff verbraucht und das Einsparpotenzial sinkt weiter. Zumindest im Langstreckenverkehr in den USA ergibt sich daher kein Geschäftsmodell für Kunden, die beim Fahren im Platoon auf höchst aerodynamische Lkw setzen. Gerade das Thema Kostenersparnis war bisher ein wichtiges Argument in der Argumentation für Platooning. Daimler Trucks will – trotz der neuen Einschätzung – sich in allen noch laufenden Partnerprojekten zum Platooning weiterhin engagieren.

200 Jobs für Ingenieure und Robotik-Spezialisten

Daimler Trucks schafft 200 neue Arbeitsplätze im Bereich des hochautomatisierten Fahrens (Level 4). Die neuen Stellen werden in erster Linie von Mechatronik-Ingenieuren und Robotik-Spezialisten mit IT- und Programmierkenntnissen besetzt. Hauptstandort hierfür ist das neue „Automated Truck Research & Development Center“ von Daimler Trucks & Buses in Portland (Oregon, USA). Die Experten des Forschungs- und Entwicklungszentrums befassen sich hauptsächlich mit der Entwicklung, Prüfung und Validierung automatisierter Fahrzeuge. Dabei arbeiten die Ingenieure in Portland eng mit ihren Kollegen an den Daimler Trucks-Standorten Stuttgart (Deutschland) und Bangalore (Indien) zusammen und bilden so ein globales Netzwerk.

Hochautomatisiertes Fahren bei Pkw und Lkw

Daimler Trucks will Entwicklungen aus dem Geschäftsfeld Mercedes-Benz Cars übernehmen, die auch für die Anforderungen von Transportunternehmen geeignet sind. Die schon jetzt verfügbaren Level 2-Systeme werden durch Innovation und die Neujustierung vorhandener Systeme auf Level 4 gehoben. Trotz aller Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die Anforderungen an das hochautomatisierte Fahren bei Pkw und Lkw erheblich. Die schiere Größe eines Lkw stellt höhere Anforderungen an die Technik als bei Pkw, insbesondere beim Fahrverhalten in Kurven oder beim Abbremsen. Auch bewegliche Systeme wie an Sattelzügen stellen höhere Anforderungen. Außerdem sind die Einsatzbedingungen in der Transport­branche deutlich härter. Die Fahrzeuge müssen so lange wie möglich einsetzbar sein, um effiziente Lieferabläufe zu ermöglichen und die Kundenwünsche nach schneller Lieferung zu erfüllen. Dies darf nicht zu Einschränkungen der Verfügbarkeit oder Zuverlässigkeit führen – selbst bei unterschiedlichsten Wetterbedingungen oder extremen Vibrationen. Schließlich spielt auch die gesellschaftliche Akzeptanz eine wesentliche Rolle.

Derzeit sind bei Level 2-Fahrzeugen zwei Sensoren im Einsatz – im nächsten Entwicklungs­schritt bei Level 4 werden es deutlich mehr sein, die darüber hinaus auch weitaus leistungs­stärker sind. Dies geht mit einem völlig neuen Datenaufkommen einher und stellt gleichzeitig extrem hohe Anforderungen an die Qualität der Datenverarbeitung. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Wahrnehmung des Fahrers durch vollständig erfasste Verkehrs- und Fahrzeug­situationen mit Hilfe unterschiedlichster Sensortechnologien nachzustellen und zu ersetzen. Jeder Sensor leistet mit seinen speziellen Eigenschaften einen Beitrag zur Gesamtleistung und Sicherheit hochautomatisierter Lkw. Drei verschiedene technologische Ansätze bilden dafür die Grundlage: Radar, Kamera und Lidar.

Die Sicherheit, Präzision und dauerhafte Verfügbarkeit der Systeme wird bereits bei der Markteinführung eine zentrale Rolle spielen. Analog zu Flugzeugen sollen daher alle sicherheitsrelevanten Funktionen mit redundanten Systemen ausgestattet werden. Beim Ausfall des primären Steuerungssystems springen sie nahtlos ein und übernehmen deren Aufgaben, so der Plan.

Editor: Jens Stoewhase mit Pressematerial der Daimler AG