14.07.2021 - 08:46

Volkswagens neues Software-Auto

Der Volkswagen-Konzern hat seine „New Auto“-Strategie bis 2030 vorgestellt. Im Fokus der Transformation des Konzerns zum softwaregetriebenen Mobilitätsunternehmen steht u.a. die Entwicklung der führenden Software-Plattform als Backbone für alle Konzernfahrzeuge.

Das Managementteam des Volkswagen-Konzerns hat seinen Plan für die Transformation des Unternehmens zum softwaregetriebenen Mobilitätsunternehmen präsentiert. Im Fokus stehen dabei die Marken des Konzerns und seine globalen Technologie-Plattformen, die Synergien und Skalierung ermöglichen sowie neue Profit-Pools erschließen sollen. „Wir haben uns das strategische Ziel gesetzt, Weltmarktführer für Elektrofahrzeuge zu werden – und wir sind auf einem guten Weg. Jetzt setzen wir neue Parameter“, sagte Vorstandsvorsitzender Herbert Diess bei der Vorstellung von „New Auto“, der Konzernstrategie bis 2030. „Auf der Basis von Software ist der nächste, weitaus radikalere Wandel der Übergang zu deutlich sichereren, intelligenteren und schließlich autonomen Fahrzeugen. Das bedeutet für uns: Technologie, Geschwindigkeit und Skalierung werden eine zentralere Rolle spielen als heute.“ Diess sagte in dem Zuge dem Auto eine glänzende Zukunft voraus.

Volkswagen erwartet eine schrittweise Verschiebung der Umsatz- und Profit-Pools: Zunächst von Autos mit Verbrennungsmotor hin zu batterieelektrischen Fahrzeugen und später stärker in Richtung Software und Dienstleistungen. Dieser Trend würde durch das autonome Fahren beschleunigt. Der Verbrenner-Markt dürfte in den nächsten zehn Jahren um über 20 Prozent zurückgehen, glaubt man bei Volkswagen. Gleichzeitig soll der Absatz von Elektrofahrzeugen schnell wachsen und Verbrennerfahrzeuge als führende Technologie überholen.

Mit einem geschätzten Umsatz von 1,2 Billionen Euro könnte Software bis 2030 zusätzlich zum erwarteten Geschäft mit Fahrzeugen rund ein Drittel des gesamten Mobilitätsmarktes ausmachen. Dieser könnte sich von heute rund zwei auf dann voraussichtlich fünf Billionen Euro mehr als verdoppeln. Individuelle Mobilität wird auch in 2030 voraussichtlich rund 85 Prozent dieses Marktes sowie des Geschäfts von Volkswagen ausmachen.

Neben dem Wandel von Verbrenner- zu Elektroauto-Technologie sieht die neue Strategie auch ein angehobenes Ambitionsniveau für die operative Umsatzrendite des Volkswagen Konzerns im Jahr 2025 vor: Als Grundlage für die Planungsrunde 70 im kommenden November hat der Konzern die ursprüngliche Spanne von 7-8 Prozent auf nun 8-9 Prozent erhöht.

„Unser Ziel ist es, branchenführende Plattformen über unsere starken Marken hinweg zu etablieren. So können wir höhere Skalen schaffen und in Zukunft noch mehr Synergien realisieren,“, sagte CFO Arno Antlitz. „Wir werden unsere BEV-Plattformen skalieren, wir wollen einen führenden Automotive-Software-Stack entwickeln. Und wir werden weiter in autonomes Fahren und Mobilitätsdienstleistungen investieren. Während dieses Übergangs wird unser robustes ICE-Geschäft dazu beitragen, die dafür nötigen Gewinne und Cashflows zu generieren.“

73 Milliarden Euro hat Volkswagen von 2021 bis 2025 bereits für Zukunftstechnologien vorgesehen, was 50 Prozent der Gesamtinvestitionen entspricht. Der Anteil der Investitionen in Elektrifizierung und Digitalisierung soll zukünftig weiter erhöht werden.

Plattformmodell

Der umfassende Ansatz über die vier großen Technologie-Plattformen hinweg soll es dem Volkswagen Konzern ermöglichen, Synergien für alle Pkw-Marken und die leichten Nutzfahrzeuge sowie teilweise auch mit dem Truck-Bereich zu generieren. Diese Synergien umfassen zahlreiche Felder: von einer universellen Elektro-Produktarchitektur über die globale Software-Plattform von Cariad, einer eigenen umfangreichen Zell- und Batterieproduktion bis hin zu einer Mobilitätsplattform, die eine Vielzahl von Dienstleistungen nahtlos bündelt.

Mechatronics

Mit der SSP (Scalable Systems Platform), der Volkswagen Mechatronics-Plattform der nächsten Generation, soll die Komplexität schrittweise sinken. Als Nachfolgeplattform von MQB, MSB, MLB, sowie MEB und PPE, will man über die SSP die Konsolidierung der heutigen Plattformen vorantreiben: Von drei Verbrenner-Plattformen wird zunächst auf zwei Elektro-Plattformen reduziert, um schließlich eine einheitliche Architektur für das gesamte Produktportfolio zu schaffen. Ab 2026 will der Konzern die Produktion von reinen Elektrofahrzeugen auf der SSP starten. Diese nächste Fahrzeuggeneration soll voll elektrisch, voll digital und hoch skalierbar werden. Über die gesamte Lebensdauer sind auf der neuen Mechatronics-Plattform mehr als 40 Millionen Fahrzeuge geplant. Wie bereits beim MEB will der Konzern auch die SSP für andere Automobilhersteller zugänglich machen.

Zur Verbesserung und Beschleunigung seiner Mechatronics-Plattformkompetenzen will der Konzern rund 800 Millionen Euro in ein neues Zentrum für die Technische Entwicklung in Wolfsburg investieren, wo das Herz der SSP und ihre Module entstehen sollen.

Markus Duesmann, CEO von Audi, sagte: „Die Einführung von SSP bedeutet, dass wir unsere Stärken im Plattformmanagement nutzen und auf unseren Fähigkeiten aufbauen, um Synergien über alle Segmente und Marken hinweg zu maximieren. Langfristig wird unsere SSP die Komplexität in der Mechatronik deutlich reduzieren. Dabei ist sie nicht nur eine zentrale Voraussetzung, um CAPEX-, F&E- und Stückkosten im Vergleich zu MEB und PPE zu senken und dem Konzern das Erreichen seiner finanziellen Ziele zu ermöglichen. Sie ist vor allem Wegbereiter dafür, dass wir künftige Herausforderungen in der Fahrzeugentwicklung erfolgreich meistern können, da Autos zunehmend softwareorientiert werden.“

Software

Software soll die nahtlose Integration der „New Auto“-Strategie in das digitale Leben der KundInnen ermöglichen und noch höhere Skaleneffekte generieren. Die Automotive-Software-Einheit Cariad des Volkswagen Konzerns verfolgt demnach das Ziel, bis 2025 die führende Software-Plattform als Backbone für alle Konzernfahrzeuge zu entwickeln. Derzeit arbeitet die Software-Einheit an drei Software-Plattformen: Die erste Software-Plattform 1.1 ermöglicht Upgrades und Over-the-Air-Updates für das MEB-Produktportfolio, etwa für den Volkswagen ID.4, den Skoda Enyaq oder den Cupra Born. Im Jahr 2023 will Cariad die Premium-Software-Plattform 1.2 starten: Sie soll eine Vielzahl von Funktionen bieten, darunter ein neues, einheitliches Infotainment-System und Over-the-Air-Updates für Fahrzeuge von Audi und Porsche. Im Jahr 2025 will Cariad dann eine neue einheitliche und skalierbare Software-Plattform sowie eine elektronische end-to-end Architektur einführen: Der Software Stack 2.0 soll ein einheitliches Betriebssystem für die Fahrzeuge aller Konzernmarken beinhalten. Ein weiteres wesentliches Merkmal soll demnach die Level-4-Fähigkeit sein, sodass KundInnen das Fahren vollständig dem Auto überlassen können.

Die neue einheitliche 2.0 Plattform für On-Board-Konnektivität und Software, die mit der SSP konzernweit ausgerollt werden soll, ebnet im besten Fall den Weg für ein ganz neues digitales Ökosystem und damit auch für neue datenbasierte Geschäftsmodelle.

Die Konzernflotte könnte dann kontinuierlich mit neuen Funktionen und Diensten aktualisiert werden, die genau auf die Mobilitätsbedürfnisse der NutzerInnen zugeschnitten sind. Die Grundlage dafür ist die Auswertung eines umfangreichen Pools an Echtzeitdaten der voll vernetzten, autonomen Fahrzeuge. Dieser sogenannte Big-Loop-Prozess für Millionen von Fahrzeugen soll den Produktlebenszyklus deutlich erweitern. Bis 2030 sollen letztlich bis zu 40 Millionen Fahrzeuge über alle Konzernmarken hinweg auf den Software-Plattformen des Konzerns basieren.

Mobility Solutions

Bis 2030 will der Konzern auch Systemfähigkeiten für autonome Shuttle-Flotten aufbauen, einige davon selbst besitzen und damit sein Angebot an Mobilitätsdienstleistungen und Finanzierung deutlich erweitern. Mobilität als Dienstleistung (MaaS) und Transport als Dienstleistung (TaaS), vollständig autonom, sollen zum integralen Bestandteil der „New Auto“-Strategie werden. Die Wertschöpfungskette würde dann aus vier Geschäftsbereichen bestehen: dem selbstfahrenden System, seiner Integration ins Fahrzeug, dem Flottenmanagement und der Mobilitätsplattform.

Der Volkswagen Konzern setzt bei der gemeinsamen Entwicklung eines selbstfahrenden Systems für autonome Shuttles auf seinen Partner Argo Ai. Cariad entwickelt parallel automatisiere Fahrfähigkeiten des Levels 4 für Pkw. Auf dieser Grundlage könnte der Volkwagen Konzern das größte neuronale Netzwerk von Fahrzeugen auf den Straßen weltweit schaffen.

Mit Pilotprojekten in München testet Volkswagen derzeit bereits die ersten autonomen Busse und will ähnliche Projekte auch in anderen Metropolen in Deutschland, China und den USA etablieren. Für 2025 ist geplant, seinen ersten autonomen Mobilitätsdienst in Europa anzubieten, kurz darauf gefolgt von den USA. Die hieraus erwarteten Profit-Pools seien sehr vielversprechend: Bis 2030 soll der Gesamtmarkt für Mobilität als Dienstleistung allein in den fünf größten europäischen Märkten 70 Mrd. US-Dollar betragen.

In den kommenden Jahren soll eine Plattform alle Mobilitätsangebote des Konzerns und seiner Marken bündeln und es Volkswagen ermöglichen, einen signifikanten Marktanteil sowie zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Eine Fahrzeugflotte, die alle unterschiedlichen Dienstleistungen von Vermietung, Abonnements bis hin zu Sharing und Ride-Hailing abdeckt, soll eine hohe Verfügbarkeit, Auslastung und Rentabilität sicherstellen.

Christian Senger, CTO von Volkswagen Nutzfahrzeuge, sagt: „Bis zum Ende des Jahrzehnts wird das autonome Fahren die Welt der Mobilität vollständig verändern. Gemeinsam mit Argo Ai entwickeln wir ein in der Branche führendes selbstfahrendes System, mit dem wir völlig neue Mobilitätsdienstleistungen und autonome Transportdienste anbieten können. Der Volkswagen Konzern will in diesem wichtigen Zukunftsgeschäft einen hohen Marktanteil erreichen und zusätzliche Einnahmequellen erschließen.“

Christian Dahlheim, Leiter Volkswagen Konzern Vertrieb, sagt: „Der Volkswagen Konzern strebt an, einen starken Wettbewerbsvorteil im Bereich der Mobilitätslösungen zu erreichen. Wir werden in der Lage sein, unseren Kunden Dienstleistungen direkt anzubieten oder entsprechend der spezifischen Situation im jeweiligen Markt mit starken Partnern kooperieren. Eine Fahrzeugflotte für alle Dienstleistungen erlaubt es uns, sehr effizient zu arbeiten. Zudem wird unsere kommende Mobilitätsplattform alle Mobilitätsangebote des Konzerns und unserer Marken bündeln und so maximalen Kundenkomfort bieten.“

Europa, China und die USA bleiben die Schwerpunktregionen

Ausgehend von einer starken Basis in den beiden Volkswagen Heimatmärkten Europa und China, soll demnach Nordamerika der Hauptfokus des Konzerns sein, um seinen Marktanteil weiter auszubauen.

China, wo der Volkswagen Konzern über hohe Profitabilität verfügt, spielt – nach eigenen Angaben – eine entscheidende Rolle für den Erfolg der „New Auto“-Strategie. Mit dem ID.4, ID.6 und dem kommenden ID.3 will Volkswagen gemeinsam mit Partnern ein elektrisches Produktportfolio zügig ausrollen und sein neues Joint-Venture Volkswagen Anhui zur lokalen Drehscheibe für die SSP machen. Dies umfasst auch eine neues Forschungs- und Entwicklungszentrum, das derzeit gebaut wird. Der Konzern will seine Aktivitäten in China weiter stärken und mit lokalen Fähigkeiten sowie Kapazitäten gezielt ausbauen. Bereits heute arbeiten rund 1.000 Software-IngenieurInnen für Cariad in China, heißt es vom Konzern.

In den USA gab es für Volkswagen nie einen besseren Zeitpunkt, um seinen Marktanteil deutlich auszubauen. „Der Elektrifizierungsplan der Regierung Biden eröffnet uns die einmalige Gelegenheit, aus einer besseren Position als der Wettbewerb zu starten, da wir ein offenes Ladenetzwerk überall in den USA aufgebaut und in Chattanooga bereits in den Übergang zu BEVs investiert haben“, sagte Herbert Diess. Volkswagen bringt in den USA eine breite Palette an hochattraktiven, auf den Markt zugeschnittenen BEVs, wie den erfolgreichen ID.4 oder den vielversprechenden ID.Buzz auf die Straße.

Konzernweites Transformationsprogramm

Da rund die Hälfte seiner 660.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute in der traditionellen Automobilproduktion tätig ist, will der Volkswagen Konzern in den kommenden zehn Jahren ein massives Transformationsprogramm umsetzen. Laut einer Pressemitteilung arbeit der Vorstand dabei eng mit dem Betriebsrat zusammen. So sollen unter anderem umfangreiche Ressourcen für Qualifizierungen zum Erwerb softwarebasierter Fähigkeiten bereitgestellt werden.

Autor: jst

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