29.07.2021 - 16:51

Europcar und Volkswagen – das etwas größere Bild

Der Volkswagen-Konzern will den Autovermieter Europcar für rund 2,5 Mrd. Euro übernehmen. intellicar.de-Chefredakteur Jens Stoewhase hat sich das größere Bild vorgenommen und schaut, wo das Puzzlestück Europcar da hinein passt.

Erinnern Sie sich noch? Es ist noch gar nicht so lange her, da wollten sich mehrere Automobilhersteller zu ganzheitlich angedachten Mobilitätsdienstleistern wandeln. Zwischenzeitlich blieb von dieser Idee nicht mehr viel übrig – diesen Eindruck konnte man zumindest gewinnen.

Immerhin waren da die Vorreiter Daimler und BMW. Sie hatten mit Car2Go und DriveNow vermeintlich die Nase vorn in Sachen Carsharing. Dann kam auch noch der Erfolg von Daimlers MyTaxi. Ja, und dann wurden die zahlreichen Geschäftsbereiche, die Erlöse jenseits des Autoverkaufs meist durch Apps generierten, plötzlich in die Now-Gruppe überführt. Daimler und BMW lösten die vielversprechenden digitalen Themen aus ihren Konzernen heraus. Schaut man aktuell auf die verschiedenen Now-Ableger, so ist es zumindest medial ruhig geworden.

Volkswagen ist einen anderen Weg gegangen, auch etwas leiser. Mit Moia wurde im Konzern das Thema Ride-Pooling sogar mit einem eigens entwickelten Elektrofahrzeug aufgebaut. Mit Volkswagen We setzte man eine Marke für digitale Dienste auf, die inzwischen mit We Share als Carsharing auf der Straße auch wahrnehmbar ist. Mit We Connect werden die KundInnen mit Volkswagen-Fahrzeugen an den Konzern gebunden.

Dieser Volkswagen-Konzern will nun den Autovermieter Europcar übernehmen. In einem Konsortium mit dem in London ansässigen Vermögensverwalter Attestor Limited und dem niederländischen Mobilitätsanbieter Pon Holdings B.V. hat Volkswagen ein empfohlenes Übernahmeangebot für die Europcar Mobility Group („Europcar“) vorgelegt. Der Mietwagenanbieter hat mehr als 3.500 Stationen in über 140 Ländern sowie eine Flotte von mehr als 350.000 Fahrzeugen, so der Stand 2019. Ein entscheidender Punkt sind jedoch die jährlich mehr als fünf Millionen Kundinnen und Kunden.

Kundenkontakt

Hatten früher die Autohändler einen Großteil des Kundenkontakts, so dreht sich der Wind immer mehr gen OEMs selbst. Die Autobauer holen sich über die Smartphone-Apps, die sie inzwischen eng an ihre Fahrzeuge angebunden haben, die direkten Kontakte zu den KundInnen. Das ist die reine Lehre des Erfolgs von E-Commerce: Ich kann mit dem Datensatz einer Kundin bzw. eines Kunden lernen, welche Angebote genutzt werden, welche Services man weiteren Kundengruppen anbieten kann oder was sich auch nicht lohnt. Kurioser Weise haben das die AutohändlerInnen – egal welcher Marke – bisher wohl nicht besonders gut verstanden. Hätten Sie rechtzeitig und gemeinsam in digitale Lösungen investiert, wäre womöglich das Kräfteverhältnis heute zwischen OEMs und HändlerInnen ausgeglichener. So ist schlägt das Pendel aktuell ganz klar in Richtung OEMs aus.

Volkswagen ist da ein gutes Beispiel: Denn mit den Datensätzen der jährlichen fünf Millionen KundInnen hat Europcar die Basis, zukünftig für Volkswagen maßgeschneiderte Angebote für segmentierte Kundengruppen zu entwickeln und anzubieten. Darüber hinaus ist das Netz von 3.500 Stationen in über 140 Ländern eine solide Basis, um digitale Mobilitätsprodukte auch international auszurollen und gleichzeitig ein etabliertes Servicenetz schnell weiterzuentwickeln. Eine Europcar-Station dürfte eben zukünftig mehr werden als der Abholort für ein Auto. Denn das Europcar-Personal an jedem Standort ist mit den Service- und Maintenance-Abläufen von Fahrzeugflotten vertraut. Diese Expertise ist im Carsharing in jeder Stadt notwendig. Bisher waren jedoch die Carsharing-Expansionen in kleinere Städte oft durch teure Kosten im Bereich Operations – also Service und Maintenance – zu hoch. Denkt man den Wandel der Europcar-Standorte also weiter, dann sind sie zukünftig womöglich die Basis für den Ausbau der Marke We Share sowie weitere Sharingangebote auf kleinere Städten als bspw. Berlin und Hamburg.

Die Zukunft von Europcar

Der Konzern betont in seiner Pressemitteilung selbst, dass die geplante Übernahme von Europcar, als einem wichtigen Anbieter von Mobilitätsdiensten einschließlich Mietwagen und Carsharing, für Volkswagen die Chance bietet, den Aufbau einer führenden Mobilitätsplattform anzugehen. Europcar soll dabei transformiert werden und neue und innovative Mobilitätslösungen anbieten, um der zunehmenden Kundennachfrage nach Services als Ergänzung zum eigenen Fahrzeug gerecht zu werden.

Allerdings ist Volkswagen gar nicht allein an einer Übernahme interessiert. Europcar soll von einem Konsortium übernommen werden. So will man bei Volkswagen die Stärken der einzelnen Konsortialpartner gezielt nutzen und das Geschäft mit einer ausgewogenen Governance-Struktur führen, heißt es. Volkswagen wird eine Mehrheit an der für die Transaktion gegründeten Beteiligungsgesellschaft, der Green Mobility Holding S.A. („Green Mobility Holding“), halten. Gleichzeitig betont der Konzern jedoch, dass man die Green Mobility Holding nicht kontrollieren wolle.

Das Konsortium

Das Konsortium, das Volkswagen für die 2,5 Mrd. Euro schwere Übernahme geschmiedet hat, besteht aus dem in London ansässigen Vermögensverwalter Attestor und dem niederländischen Mobilitätsanbieter Pon Holdings. Die Mindestannahmeschwelle für das Übernahmeangebot liegt bei 67 Prozent. Anteilseigner, die zusammen 68 Prozent der Europcar Aktien halten, haben ihre Andienung bereits verbindlich zugesagt. So gehören bereits 12,8 Prozent der Aktien dem Konsortialpartner Attestor. Mit der niederländischen Pon Holdings verbindet Volkswagen bereits eine längere Partnerschaft. Im April 2013 wurde öffentlich bekannt, dass die Konzerntochter Volkswagen Financial Services und die Pon Holdings im Verhältnis 60 zu 40 die gesamten Anteile der CollectCar B.V. übernommen hatten. CollectCar ist Betreiberin des stationsbasierten Carhsharings Greenwheels. 2016 wurde bei Greenwheels das kurze Carsharing-Intermezzo Quicar der Volkswagen Leasing GmbH aus Hannover integriert. Greenwheels übernahm die 60 der Quicar-Stationen und baute das eigene Standortnetz weiter aus. Heute gilt Greenwheels mit rund 2.800 Fahrzeugen als einer der großen Carsharer in den Niederlanden. In Deutschland ist das Unternehmen mit rund 400 Fahrzeugen und zusätzlichen 350 Fahrzeugen über die Plattform Getaround auf den Straßen.

Transformation

Zuletzt hatte Konzernchef Herbert Diess Volkswagens „New Auto“-Strategie bis 2030 vorgestellt. Im Fokus der Transformation des Konzerns zum softwaregetriebenen Mobilitätsunternehmen steht u.a. die Entwicklung der führenden Software-Plattform als Backbone für alle Konzernfahrzeuge. CFO Arno Antlitz erklärte im Rahmen der Präsentation: „Wir werden unsere BEV-Plattformen skalieren, wir wollen einen führenden Automotive-Software-Stack entwickeln. Und wir werden weiter in autonomes Fahren und Mobilitätsdienstleistungen investieren. Während dieses Übergangs wird unser robustes ICE-Geschäft dazu beitragen, die dafür nötigen Gewinne und Cashflows zu generieren.“

Bis 2030 will der Konzern auch Systemfähigkeiten für autonome Shuttle-Flotten aufbauen, einige davon selbst besitzen und damit sein Angebot an Mobilitätsdienstleistungen und Finanzierung deutlich erweitern. Mobilität als Dienstleistung (MaaS) und Transport als Dienstleistung (TaaS), vollständig autonom, sollen zum integralen Bestandteil der „New Auto“-Strategie werden. Die Wertschöpfungskette würde dann aus vier Geschäftsbereichen bestehen: dem selbstfahrenden System, seiner Integration ins Fahrzeug, dem Flottenmanagement und der Mobilitätsplattform.

Europcar passt also bereits als gut entwickelter Baustein in das Konzept. Herbert Diess bringt die Motivation zur Übernahme auf den Punkt: „Der Mobilitätsmarkt verändert sich rasant. Kundinnen und Kunden wünschen sich zunehmend neue, innovative ‚On-demand‘-Mobilitätslösungen, beispielsweise Abo- oder Sharing-Modelle – als Alternative zum eigenen Auto. Deswegen ist der Aufbau einer führenden Mobilitätsplattform ein wichtiger Eckpfeiler unserer kürzlich vorgestellten New Auto Strategie bis 2030. Europcar verfügt über ein modernes Flottenmanagement sowie ein breites Netz von Stationen an Flughäfen, Bahnhöfen und in Innenstädten. Das wird uns dabei helfen, unsere ambitionierten Ziele zum Ausbau von Mobilitätsdienstleistungen schneller zu erreichen. Gemeinsam mit unseren Konsortialpartnern Attestor und Pon werden wir das Geschäft von Europcar weiterentwickeln und um weitere, ausgewählte Services von Marken aus dem Volkswagen Konzern ergänzen.“

Wie gut der Partner Pon Holdings zum anvisierten Ziel passt, erklärt deren CEO Janus Smalbraak: „Seit unserer Transformation in ein internationales Mobilitätsunternehmen wissen wir um die Bedeutung vielfältiger Mobilitätsangebote für die Kunden – vom Auto, über Fahrräder und Scooter hin zu anderen Mobilitätsdiensten.“ Als Hintergrund ist dabei nicht uninteressant: Die Pon Holdings ist nicht nur langjähriger Partner bei Greenwheels sondern auch großer Vertriebspartner von Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeugen. Last but not least: Die Pon Holdings ist durch mehrere Übernahmen im Fahrradmarkt – Fahrradhersteller wie Derby Cycle und Gazelle gehören dazu – heute der größte Fahrradhersteller Europas. Auch Partner Volkswagen ist nicht ganz untätig im Fahrradbusiness. Mit Unterstützung von Volkswagen Finanzdienstleistungen steigt aktuell die Firma Bike Mobility Services in das Leasing und die Finanzierung von Fahrrädern ein. Das Leasingangebot richtet sich an Unternehmen und ihre MitarbeiterInnen, das Finanzierungsangebot an Privatkundinnen.

Autor: jst




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29.07.2021 16:29