HARDWARE & SOFTWARE

31.Oktober 2019

Continental: Linksabbiegeassistent für Landmaschinen


Conti präsentiert auf der Agrarmesse Agritechnica 2019 seine neuentwickelten Assistenzsysteme für Landmaschinen. In der Umfelderfassung sieht das Unternehmen ein entscheidendes Thema für die automatisierte Zukunft der Landwirtschaft. Und vielleicht Potenzial gegenüber dem schwächelnden Automotive-Markt? 

 

Das tiefgreifende Know-how bei Pkw und Lkw sei für Continental das technologische Sprungbrett, von dem aus auch die Landwirtschaft Potenzial hat. Für das Anwendungsfeld Agrarwirtschaft habe man Lösungen adaptiert, weiterentwickelt und neu gedacht, heißt es seitens Gilles Mabire, Leiter des Geschäftsbereichs Commercial Vehicles & Aftermarket, in dem Continental die elektronischen und digitalen Produkte für Nutzfahrzeuge und mobile Maschinen bündelt.

In der Umfelderfassung sieht das Technologieunternehmen ein entscheidendes Thema für die automatisierte Zukunft der Landwirtschaft. Immerhin gab es laut dem Statistik-Portal Statista im Jahr 2018 55 Verkehrstote bei Unfällen mit landwirtschaftlichen Zugmaschinen. Nach der amtlichen Straßenverkehrsunfallstatistik des Statistischen Bundesamtes kamen 2018 57 Prozent der Verkehrstoten bei Unfällen auf Landstraßen ums Leben. Besonders riskant gilt für Branchen-Experten das Linksabbiegen der Landmaschinenfahrzeuge auf öffentlichen Straßen. Denn immerhin sind diese zu rund einem Drittel ihrer Betriebszeit genau dort unterwegs – obwohl sie dafür nicht konstruiert sind. Oftmals haben sie in Länge, Höhe oder Breite andere Maße als die übrigen Verkehrsteilnehmer. Auch große tote Winkel und weniger Lichtquellen am Fahrzeug können gefährdent wirken.

Conti will mit seinem neuen Linksabbiegeassistenten vorbeugen: Das System warnt den Fahrer der Landmaschine durch ein akustisches oder optisches Signal vor Hindernissen auf der linken Seite seines Fahrzeugs. Das System kann herankommende Fahrzeuge auf eine Entfernung von bis zu 250 Metern detektieren. Möglich macht dies die Radartechnologie. Das System basiert auf einer 77-Gigahertz-Technologie, die die Fahrzeugumgebung in einer deutlich höheren Auflösung als bislang erfasst. Ulrich Roskoni, Leiter Technisches Produktdesign Spezialfahrzeuge im Continental-Geschäftssegment Independent Aftermarket: „Radar-Sensoren ermöglichen eine exakte Abstandskontrolle, der Sensor kann quasi nach hinten schauen und die Geschwindigkeit der ankommenden Fahrzeuge und den Abstand zu ihnen bestimmen.“ Weiterer Vorteil: Radarsensoren sind von Wetter und Lichtverhältnissen unabhängig. Außerdem ist das System einfach zu montieren und überfrachtet den Fahrer nicht mit Informationen. „Der Fahrer benötigt keinen Monitor, sondern wird nur im Ernstfall gewarnt. Das ist im Einklang mit unserer Continental-Philosophie für die Mensch-Maschine-Schnittstelle, dem Fahrer immer nur die Informationen zu geben, die er gerade wirklich benötigt“, betont Roskoni.

Abbiegeassistenten bald mit kombinierter Radar- und Kameratechnologie

Bei der Entwicklung des Linksabbiegeassistenten arbeitet Continental zusammen mit einem großen Erstausrüster für Landmaschinen. Technologisch baut das Unternehmen hier auf Bewährtes auf: In diesem Fall auf den Rechtsabbiegeassistenten für Lkw, der ab 2022 für alle neuen Fahrzeugtypen EU-weit Pflicht ist. „Für den Linksabbiegeassistenten gibt es derzeit kein vergleichbares Produkt auf dem Markt. Neben den bisherigen Rück- und Seitenspiegeln basieren die aktuellen Produkte auf Kameratechnik. Diese Systeme sind bei Entfernungen limitiert und allein nicht in der Lage, den Fahrer zu warnen. Deswegen ist in diesem Fall Radar die passendere Technologie. Dennoch hat auch die Kamera-Technologie ihre Stärken und wir arbeiten daran, Radar- und Kamera-Technologien zu verschmelzen, um noch bessere Informationen zu erhalten“, sagt Roskoni.

Langfristig werden dann die Sensorentypen Kamera, Radar und Lidar gemeinsam die Umgebung vollständig und redundant erfassen. Die so gewonnenen Informationen dienen als Grundlage für autonome Entscheidungen der Maschine.

Diese sogenannte Sensorfusion, von zunächst Radar- und Kamerainformationen, soll auch zukünftig beim digitalen Kamerasystem ProViu 360 angewandt werden. Beim ProViu 360 – der Produktionsstart ist für 2020 geplant – kommen insgesamt vier 1,3 Megapixel-Kameras zum Einsatz und verschaffen dem Fahrer eine Vogelperspektive auf seine Maschine. Dadurch liefert das System schärfere Bilder in HD-Auflösung, ausgespielt auf einem 10 Zoll großen HD Touchdisplay. In einem weiteren Schritt wird ProViu 360 dann intelligent. Als Augmented Reality werden dann Markierungen, Piktogramme oder Texte direkt auf das Kamerabild gelegt.

Nachrüstung nach MacGyver-Art: mit Magnet und Wifi

Besonders für die Nachrüstung von Landmaschinen interessant sind die magnetisch befestigten und kabellosen WLAN-Kameras, die Continental aktuell entwickelt. Die runden, nur 7 Zentimeter im Durchmesser großen Kameras mit Fisheye-Linsen können aufgrund ihrer geringen Größe auch an Stellen montiert werden, an denen dies bislang nicht denkbar oder zu kompliziert war – etwa an der Schaufel eines Radladers oder auf der Rückseite eines Anhängers. Die Kamera ist nach Schutzklasse IP69K sehr robust gegen äußere Einflüsse, ihre Akkus werden ohne freiliegende Kontakte induktiv geladen. Die lackierte Oberfläche des Fahrzeugs wird durch die Gummi-Ummantelung der Kamera geschützt. Für eine enorme Flexibilität sorgen der Neodym-Magnet und ein Beschleunigungssensor. Der Magnet hält auf metallischen Oberflächen jedem möglichen Einsatz stand, sorgt aber zugleich dafür, dass sich die Kameras problemlos demontieren und an anderer Stelle aufsetzen lassen. Dank des Beschleunigungssensors richtet sich das Bild automatisch aus. Trotzdem hat der Maschinenführer die Freiheit, das Bild zu schwenken oder, dank des 12 Megapixel auflösenden Bildsensors, zu zoomen. Wer seine Einsatzszenarien genauer kennt, kann außerdem Halterungen an den wichtigen Punkten der Maschine befestigen. Mit einer kurzen Verbindung zum nächsten stromführenden Kabel ist das Laden automatisiert und dank eines RFID-Chips erkennt die Kamera sofort, an welche Maschine sie angeheftet wurde, das Sichtfeld wird automatisch angepasst.

Editor: Jens Stoewhase mit Pressematerial Continental AG