07.10.2016 - 11:58

Automatisierung und bunte Blumen im Auto

Oasis_Front_HR-s

Die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas findet erst im Januar 2017 statt, doch der Schweizer Autopionier Frank M. Rinderknecht gibt mit seiner Ideenwerkstatt Rinspeed schon jetzt einen Ausblick auf seine selbstfahrende und elektrisch angetriebene Oase. Die ersten Bilder zeigen einen Zweisitzer namens „Oasis“ mit Wohnzimmer-Flair, Solardach und viel Glas.

Frank M. Rinderknecht erklärt im Interview, wozu sein neuer Entwurf eine Wiese braucht und warum das automatisierte Fahren für ihn wichtig ist.


Herr Rinderknecht, ihre neue Vision „Oasis“ sticht wieder besonders heraus. Zuletzt waren ihre Entwürfe recht nah an realen Fahrzeugen, jetzt ein komplett eigenständiges Outfit. Warum?

Frank Rinderknecht: „Wir haben einen komplett eigenen Aufbau für Oasis entwickelt, weil wir verschiedene Welten darstellen und verschmelzen wollten. Das sehen wir auch in der Realität: Da verschmelzen das Auto und die IT, aber auch das Fahrzeug und der heimische Lebensraum.

Gleichzeitig wird das autonome Fahren diskutiert und man wird die Hände vom Steuer nehmen können. Da bietet sich ein Neudenken doch an. Man kann über die Anordnung nachdenken, den Platz im Auto neu aufteilen. Im Fahrzeug kann ein Wohnzimmer entstehen, mit Sideboard, einem Fernseher und einem Sofa. Denn die Verschmelzung der verschiedenen Lebenswelten kommt.

frank m rinderknecht

Für mich war in dieser Hinsicht der Pariser Autosalon eine Enttäuschung. Es gab zwar deutliche Fortschritte bei der Elektromobilität, aber letztlich waren viele Ideen doch sehr konventionell aus der Richtung des klassischen Autos gedacht.“

Ihr Auto ist sehr unkonventionell: Es beherbergt auch eine grüne Wiese. Was hat es damit auf sich?

„Es gibt da zwei Aspekte. Zum einen wollen wir mit unseren Entwürfen und Ideen immer auch ein Augenzwinkern mitgeben. Ein Lächeln im Gesicht der Leute ist immer gut, das Leben ist ernst genug. Gleichzeitig ist eine gewisse Verrücktheit bei uns auch Tradition. In Verrücktheit steckt eben auch ‚verrücken‘. Wir verrücken die Menschen körperlich, weil es ein Auto ist. Wir wollen aber auch das Denken der Menschen verrücken mit unseren Ideen.

Der zweite Aspekt der Wiese ist der Trend ‚Urban Gardening‘. Weltweit, oder eben auch in Berlin denken die Menschen über alternative Gartenideen nach. Unser Oasis kann dabei die Oase in der lauten und schmutzigen Stadt sein. Gleichzeitig ist die Natur im Auto auch ein Punkt der polarisiert. Er regt zur Diskussion an. Ich war kürzlich im Silicon Valley. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, hatte eine Idee für die Wiese. Es ging viel weniger um die anderen innovativen technischen Komponenten, die wir mit unseren Partnern verbaut haben. Ein Kalifornier dachte direkt über eine kleine Marihuana-Plantage nach (lacht).“

Ihr Oasis ist nur ein Zweisitzer. Braucht es für die Zukunft des Autos nicht mehr?

„Bei unserem Oasis verfolgten wir konsequent das Loslösen von der Verbindung zwischen Besitz und Gebrauch. Für den Gebrauch eines Fahrzeugs braucht es oft kaum mehr als einen Zweisitzer. Natürlich hätten wir auch vier Sitze einbauen können. Aber wenn man ein Wohnzimmer in einem nur 3,60 Meter langen Auto einrichten möchte, dann ist da etwas mehr Raum – also weniger Sitze – auch wichtig.

Oasis_Rear_HR-s

Unser Entwurf ist im Prinzip auch eine Art ‚Next Generation Google Car‘. Denn Google hat mit seinem Design schon neue Wege aufgezeigt. Nur ist unser Design eben realistischer und hoffentlich attraktiver. Aber auf der Meta-Ebene sind beide Fahrzeuge doch recht ähnlich.“

Ist der Zweisitzer vielleicht auch eine Konsequenz der verschiedenen Funktionen, die sie dem Fahrzeug zuschreiben: Vormittags für Pendler in Benutzung, nachmittags als Kleintransporter auf der letzten Meile im Stadtverkehr unterwegs?

„Unser Entwurf hat zwei Funktionen. Oasis ist eine Plattform für unsere Partner, mit denen wir technische Möglichkeiten und Ideen ausloten. Gleichzeitig sollen, wie schon gesagt, Diskussionen angeregt werden.

Wenn das Auto also nachmittags für kleinere Transporte verwendet wird, weil man per App vermittelt noch das Päckchen vom Nachbarn noch mitnimmt, dann spart das Zeit und Geld. Es braucht den teuren Kurier nicht mehr.“

Das Ersetzen des Kuriers dürfte eine ähnliche Diskussion auslösen, wie der Aufstieg von Uber.

„Aber ohne diese Diskussionen werden wir einfach nur verharren. Und wir Schweizer werfen gern Dinge in die Runde, um eine Diskussion auszulösen.“

So wie sie Oasis bisher beschrieben haben, setzen sie auf die Automatisierung des Fahrens und die Vernetzung des Fahrzeugs. Worin liegt ihrer Meinung nach dabei die große Chance?

„Gut 95 bis 98 Prozent meiner Fahrzeit im Auto ist Nutzmobilität, bei der ich sehr aufmerksam sein muss, um meinen Körper eigentlich nur von A nach B zu transportieren. Diese Zeit will ich zurückhaben. Ich kann die Zeit in einem Stau doch viel besser nutzen, als mich ständig auf den Verkehr zu konzentrieren. Wenn ich mich zurücklehnen und die Zeit für andere Beschäftigungen nutzen könnte, dann würde das meine Lebensqualität steigern.“

Nun ist Oasis der Entwurf für die Stadt und deren urbanen Rand. Wie sieht ihre Idee für die Langstrecke aus?

„Ich halte den Bahnverkehr für eine interessante Lösung für die Langstrecke. Der Oasis ist tatsächlich für die kurzen Strecken gedacht. Ich möchte auch nicht mit einem 3,60 Meter kurzen Fahrzeug über 1.000 Kilometer gefahren werden.

Ein Fahrzeug für die Langstrecke muss schon etwas schneller sein. Allerdings ist ein Autokauf heute fast immer ein Worst-Case-Szenario-Kauf. Die Leute denken zu sehr an ein Fahrzeug, das einer eierlegenden Wollmilchsau gleicht. Das ist ja auch ein zentraler Punkt in der Elektromobilität. Es geht oft um diese vermeintliche Freiheit ‚wenn ich wollte, dann könnte ich‘. Das bekommt man schwer aus den Köpfen der Leute. Hier kann sicherlich nur eine kundenorientierte Suche nach neuen Lösungen helfen.“

Apropos Lösung: Die Automobilindustrie hat auf der Suche nach neuen Lösungen inzwischen einen großen Appetit auf Start-ups. Wenn sie heute noch mal ein Start-up gründen würden, welches Mobilitätsthema würden sie angehen?

„Das ist keine einfache Frage, aber ich denke da holistisch. Ich würde mir die Frage stellen: Welches Thema in der Mobilität ist negativ besetzt?

So hat es Uber gemacht. Das Thema Taxi ist wohl weltweit negativ besetzt. Jeder Mensch macht im Taxi schlechte Erfahrungen. Mal kommt der Fahrer nicht, ist eventuell unfreundlich, fährt den falschen Weg – oder die Rechnung scheint überhöht. Uber hat das Problem gelöst. Sie wissen wann ihr Fahrer kommt, wer er ist. Sie kennen den Preis für ihre Fahrt vorab. Ich habe mit Uber bisher nur positive Erfahrungen gemacht, nur motivierte Fahrer erlebt und der Prozess des Bezahlens und des Trinkgeldes ist auch kein Thema mehr.

Genau so würde ich also auch herangehen: Dem Nutzer eines bisher schwierigen Prozesses innerhalb der Mobilität ein besseres und einfacheres Erlebnis ermöglichen.“

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frank M. Rinderknecht für das Interview.

Autor: Jens Stoewhase

Autor: jst

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