TESTS & SCIENCE

12.März 2018

ÖPNV nach Bedarf – DLR startet das „Reallabor Schorndorf“


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Busfahren nach Bedarf statt Fahrplan – das ist der Grundgedanke des europaweit einmaligen Forschungsprojekts „Reallabor Schorndorf“. Unter der Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wird erforscht, wie man den öffentlichen Nahverkehr flexibler und nachhaltiger gestalten und gleichzeitig enger an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer ausrichten kann.

Doch vor dem Start des Pilotbetriebs am vergangenen Wochenende (10. März 2018) lagen rund zwei Jahre Entwicklungs- und Vorbereitungszeit für das neue Buskonzept im nahe Stuttgart. Zu den Partnern der DLR-Verkehrswissenschaftler gehören die Stadt Schorndorf, der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS), Knauss Linienbusse, die Hochschule Esslingen sowie das Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) der Universität Stuttgart.

Schorndorfer liefern das reale Feedback

„Unser flexibler Bedarfsbus ist von Beginn an fester Teil des öffentlichen Nahverkehrs – also auch in die Netz- und Preisstruktur des regionalen Verkehrsverbunds VVS integriert“, erläutert DLR-Forscher und Projektleiter Matthias Klötzke bei der Eröffnung des Live-Betriebs. „Die Schorndorfer Bürgerinnen und Bürger sind Teilhaber und Mitentwickler. Ihre Ideen, Erfahrungen und Anregungen sind elementarer Bestandteil des Forschungsprojekts und maßgeblich für dessen weiteren Verlauf“, so Klötzke weiter.

Schorndorf, die Geburtsstadt Gottlieb Daimlers, ist froh, dass vor Ort neue Formen der Mobilität erprobt werden. „Wenn wir die Zukunft, wie im Falle des Reallabor-Projekts mitgestalten können, dann sind wir als innovative Stadt natürlich gerne mit dabei – gerade auch im Bereich des ÖPNV. Denn der künftige Erfolg des öffentlichen Nahverkehrs wird davon abhängen, wie es gelingt, das Angebot noch mehr an die individuellen Ansprüche und Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer anzupassen. Mit dem Reallabor und unserem flexiblen Busbetrieb gehen wir genau diesen Schritt. Und wir sind sehr gespannt, wie die Bürgerinnen und Bürger das neue System annehmen“, sagte der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer.

Ein digitale Bestellsystem für den Bedarfsbus

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Zentrales Element des Buskonzepts ist das digitale Bestellsystem. Der Nutzer übermittelt per Smartphone-App, Computer, Telefon oder über insgesamt 13 teilnehmende Einrichtungen, Geschäfte, Restaurants und Cafés seinen Fahrtwunsch, sprich wann und wo er abgeholt werden will. Das Bestellsystem berechnet dann die reale Abholzeit und teilt dem Nutzer mit, wo er vom Bus abgeholt wird.

Neben den bisherigen Haltestellen gibt es mehr als 200 potenzielle Ein- und Ausstiegsorte, sogenannte virtuelle Haltepunkte. Bisher liegt der durchschnittliche Weg zum nächsten Busstopp bei rund 500 Metern. Mit dem neuen Konzept verkürzt sich die Wegstrecke auf 150 bis 200 Meter – ein Vorteil nicht nur für mobilitätseingeschränkte Personen. Gleichzeitig fährt der Bus nur, wenn er gebraucht wird. So lassen sich unnötige Leerfahrten vermeiden und Ressourcen gezielter einsetzen.

Nach dem Start des Pilotbetriebs am 10. März 2018 werden jeweils im Zeitraum von Freitagnachmittag bis Sonntagnacht ein bis zwei Kleinbusse – oder bei erhöhtem Fahrgastaufkommen auch ein regulärer Omnibus – flexibel und bedarfsgerecht eingesetzt. Diese Bedarfsbusse ersetzen zwei Linien im Süden Schorndorfs. Außerhalb dieses Zeitraums gilt der bisherige reguläre Fahrplan.

Partizipation, Bedien- und Fahrzeugkonzept

Der Aspekt der Partizipation bildet einen wichtigen Forschungsschwerpunkt im Reallabor Schorndorf. Über die ganze Laufzeit des Projekts sind die Schorndorfer Bürger und kommunalen Gremien in die Arbeiten eingebunden, beispielsweise mittels öffentlichen Informationsveranstaltungen, Befragungen, Testnutzern und Mobilitätswerkstätten. Auf diese Weise nutzen die Projektpartner das vorhandene Wissen der Bürger, erfassen Wünsche und Anforderungen und fördern so die Akzeptanz und Transparenz des Projekts.

„Da es keine festen Haltestellen, Routen und Fahrpläne gibt, mussten wir bei der Entwicklung unseres Bedienkonzepts viele neue Herausforderungen meistern – vor allem was die Kommunikation zwischen Nutzern, Busfahrern und der Disposition über das digital gestützte Bestellsystem betrifft“, erklärt DLR-Forscherin Laura Gebhardt. Fahrgäste sollen ihre Angaben schnell und einfach übermitteln können. Im Hintergrund wertet die rechnergestützte Disposition die Fahrtwünsche aus und erstellt mit Hilfe eines Algorithmus daraus Routen für die einzelnen Umläufe. Auf der Empfängerseite benötigen die Busfahrer entsprechende Nutzeroberflächen, um diese Routen umzusetzen. „Deshalb sind wir gespannt, wie sich die von uns entwickelten Systeme im Praxistest bewähren, was gut funktioniert und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt“, so der Projektleiter Matthias Klötzke.

Zusätzlich zur Entwicklung des Bestellsystems machen sich die Wissenschaftler im Reallabor Schorndorf auch über innovative Fahrzeugkonzepte Gedanken, die den Anforderungen eines bedarfsorientierten Buskonzepts am besten gerecht werden: Größe, Zahl der Sitzplätze und Innenraumgestaltung fließen dabei genauso ein wie Fragen nach der geeigneten Antriebstechnologie, dem Energieverbrauch und Emissionen. Erste Konzeptstudien und Modelle werden im Herbst 2018 präsentiert.

Hintergrund: Reallabor Schorndorf

Das „Reallabor Schorndorf: Zukunftsweisender Öffentlicher Verkehr – Bürgerorientierte Optimierung der Leistungsfähigkeit, Effizienz und Attraktivität im Nahverkehr (BOOLEAN)“ ist eines von sieben Forschungsprojekten, die gefördert vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst zukunftsfähige Lösungen für Herausforderungen in Ballungsräume erproben. In den Reallaboren stoßen Wissenschaftler zusammen mit Kommunen, Unternehmen und Bürgern Veränderungen in der Stadt an und begleiten, beobachten und analysieren diesen Innovationsprozess. Das „Reallabor Schorndorf“ erhält eine Förderung von rund 1,2 Mio. Euro über eine Projektlaufzeit von drei Jahren.

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